Lesen Sie hier die Eröffnungsrede von Karl Kardinal Lehmann bei der zentralen Auftaktveranstaltung der 9. bundesweiten
Woche des Bundesnetzwerkes Bürgerschaftliches Engagement (BBE) am 10. September 2013 in der Staatskanzlei in Mainz

Der Begriff „Ehrenamt“ ist etwas sperrig geworden, weil wir ja mit der Tätigkeit nur sehr bedingt so etwas wie „Ehre“ verbinden. Außerdem gibt es eine ganze Reihe von Alternativbegriffen wie „Bürgerschaftliches Engagement“ oder auch „Freiwillige soziale Arbeit“. Aber auch Begriffe wie „Selbsthilfe“, „Bürgerarbeit“ oder „Freiwilligenarbeit“ finden sich häufig und zeigen den Wandel des Phänomens „Ehrenamt“ an. Der anglo-amerikanische Sprachraum hat es leichter, wenn er alle diese Sparten mit dem Begriff des „Volunteers“ bezeichnet. Versuchen wir am Anfang eine Umschreibung. Dann könnte man sagen: „Freiwilliges Engagement basiert auf persönlicher Motivation und Wahlmöglichkeiten. Es entsteht aus freiem Willen, mit eigener Entscheidung und ist ein Weg zur bürgerschaftlichen Beteiligung im Gemeinwesen. Freiwilliges und bürgerschaftliches Engagement findet in Form von Aktivitäten einzelner oder in Gruppen statt und wird in der Regel im Rahmen einer Organisation ausgeübt.“ (K. Gaskin)

1.      Bleibendes europäisches Kultur- und Gesellschaftselement im Wandel

Wenn wir heute das Ehrenamt stark im Kontext des bürgerschaftlichen Engagements bestimmen, dürfen wir nicht vergessen, dass es sich beim „Ehrenamt“ um ein gemeinsames Element unserer europäischen Kultur und Gesellschaft handelt. Schon in den Stadtgesellschaften des antiken Griechenland, aber auch in Rom war es Sache der freien Bürger, sich persönlich als „Privatmensch“ für das Wohl der Stadt zu engagieren. Die Tugend der aktiven Bürgerschaft war stark ausgeprägt. Dabei kam es nicht zuerst auf die politischen Einflussmöglichkeiten an, sondern auf die Hochherzigkeit und Großzügigkeit, mit der sich vornehme Bürger für das Gemeinwohl einsetzten.

Eine andere Wurzel gerade des sozialen Engagements finden wir im Liebesgebot der biblisch-christlichen Tradition. Zum Glauben gehört der Mut, sich freimütig zu engagieren, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen und dadurch auch das Wort Jesu zu verwirklichen: „Was ihr den Geringsten meiner Schwestern und Brüder getan habe, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40) Man denke hier besonders an die Versorgung der Armen mit Almosen, an die Schaffung der Krankenhäuser, die Tätigkeit der Ritterorden, auch an Elemente, wie sie in den Zünften zum Ausdruck kommen, aber auch zugleich zu den elementaren Verpflichtungen des Christen gehören.

Historisch noch stärker verankert ist das heutige Ehrenamt im städtischen Bürgertum des 18. Jahrhunderts. In Sozietäten und Gesellschaften engagieren sich z.B. angesehene Hamburger für das städtische Armenwesen. Daraus sind dann die kommunale Armenpflege und schließlich die moderne organisierte Sozialarbeit entstanden. Auch die Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts hat die ehrenamtliche Tätigkeit sehr gefördert.

2.      Der Umfang ehrenamtlicher Tätigkeit und die wichtigsten Tätigkeitsfelder

Man macht sich gewöhnlich kaum Gedanken über den außergewöhnlichen Umfang ehrenamtlicher Tätigkeit, die also zunächst einmal unentgeltlich ist. So kommen Untersuchungen für Deutschland auf ca. 23/24 Millionen Menschen mit der Bereitschaft des bürgerschaftlichen Engagements. In den EU-Ländern steht wohl Großbritannien an der Spitze, gefolgt von Deutschland, Frankreich und Polen. Allein in Großbritannien sind mehr als 200.000 gemeinnützige Organisationen bekannt. Die Wertschöpfung durch soziale Arbeit beträgt in Deutschland mehr als 75 Milliarden Euro. Der Stellenwert des Ehrenamtes in einzelnen Ländern hängt von vielen Faktoren wie Geschichte, Tradition und der Situation des öffentlichen Sozialsystems ab. Wir haben für die USA eine hohe ehrenamtliche Beteiligung der Bevölkerung. Dies hängt zweifellos eng mit der Geschichte zusammen, denn die ersten Siedler waren sehr auf gegenseitige private Hilfe angewiesen.

Aber auch bei uns ist der quantitative und qualitative Umfang der Hilfe sehr hoch. An der Spitze der Tätigkeit liegt allgemein der Bereich Sport (ca. 28 Prozent), gefolgt von den „sozialen Diensten“. Viele Bereiche des öffentlichen und sozialen Lebens könnten ohne den Einsatz der „Ehrenamtlichen“ kaum existieren. Ich nenne die Dienste bei Jugendorganisationen, im Natur- und Umweltschutz, im Tierschutz, in Wandervereinen, in der Bewährungshilfe, in der Telefonseelsorge, in der Caritas und Diakonie der großen Kirchen, in vielen Hilfsorganisationen, aber auch in der Behindertenhilfe, bei den „Grünen Damen“ in Krankenhäusern, nicht zu vergessen die Freiwilligen Feuerwehren und der Katastrophenschutz. Um wieder auf die Beteiligung zu kommen: Fast jeder Dritte ist in der Bundesrepublik Deutschland ehrenamtlich engagiert, wie immer der Begriff in seiner weiten Verzweigtheit auch verstanden werden muss.

3.      Motive für das freiwillige Engagement

Bei allen Verschiedenheiten des Ehrenamtes, z.B. politische Wahlämter, Schöffentätigkeit, diakonisches Engagement usw. gibt es doch einige gemeinsame Merkmale: Unentgeltlichkeit (im Sinne von Erwerbsarbeit), Freiwilligkeit (bei Schöffen nicht zutreffend), soziales bzw. gesellschaftliches Engagement. Es muss auch nicht immer um Ehrenamtlichkeit im engeren Sinne gehen, wie z.B. die Übernahme öffentlicher Ämter aufgrund von Wahl oder Ernennung (Mitglied eines Gemeinderates, Elternbeirat usw.), sondern um ein Engagement im außerfamiliären und überprivaten Bereich ohne Übernahme eines Amtes (z.B. Sanitätsdienst, Telefonseelsorge usw.).

Viel wichtiger sind die Motive, die zur Ausübung des Ehrenamtes führen. Im Vordergrund steht die soziale Verantwortung als Möglichkeit eines humanen, im einzelnen Fall auch religiösen bzw. christlichen Engagements. Aber dieser Einsatz erfüllt für verschiedene Menschen recht unterschiedliche Funktionen: Ermöglichung neuer Lernerfahrungen, Möglichkeit zur Aneignung neuer Fertigkeiten, Möglichkeit der Schaffung neuer sozialer Kontakte, Verbesserung des Selbstwertgefühls, persönliches Wachstum, politische Verantwortung, Befreiung von eigenen Problemen. Hinter diesen einzelnen Motiven gibt es sehr oft das Bedürfnis der Bürger zur gesellschaftlichen Mitgestaltung. Ein möglicher beruflicher Nutzen spielt gerade heute eine größere Rolle, hat jedoch nur für eine Teilgruppe (ca. 20 Prozent) Bedeutung. Diese „Interessenorientierung“ spielt aber eine größere Rolle. Langfristig binden gewiss die Erfüllung allgemeiner sozialer Bedürfnisse, wie Zugehörigkeitsgefühl, Anerkennung und die Verwirklichung persönlicher Werte, wie z.B. Hilfeleistung und konkrete Sinnerfahrung.

Die verschiedenen Motive können sich sehr unterschiedlich bündeln. Es ist schwierig, Ehrenamtliche zu gewinnen. Vorhandene Motivationen können leichter geweckt werden, wenn folgende Aspekte bei der Suche berücksichtigt werden für Frauen und Männer, die sich ehrenamtlich engagieren möchten:

  • an einem konkreten und überschaubaren Projekt mitarbeiten
  • eigenständig und eigenverantwortlich eine Aufgabe gestalten;
  • die Aufgabe, die sie übernehmen, selbst auswählen;
  • in ihrer Aufgabe Begleitung und Unterstützung erhalten;
  • durch die Aufgabe Sinn und persönlichen Gewinn erfahren.

Diese Rahmenbedingungen müssen möglichst mit den Ehrenamtlichen selbst flexibel gestaltet werden.

Man spricht heute von einem „neuen Ehrenamt“. Dabei wird vor allem auch in der Forschung auf zwei Trends hingewiesen. Einmal lebt das neue Ehrenamt stark in den Selbsthilfebewegungen und in Bürgerinitiativen. Dies zeigt, dass sich das bürgerschaftliche Engagement nicht mehr primär an den Verbänden orientiert, sondern in den Feldern der Selbst- und Nachbarschaftshilfe gefunden wird. Das Engagement ist nicht selten begrenzt, vor allem zeitlich, aber es ist intensiv. Wenn man Ehrenamtliche gewinnen will, darf man nicht von vornherein auf ein Langzeitengagement warten. Menschen wechseln gerne in ihrem Interesse und in ihren Hilfsmöglichkeiten ab. Dies hängt mit einem anderen Trend zusammen: Gewiss sind universale Werte wie Nächstenliebe, Rettung der Umwelt, Friedensförderung usw. immer noch sehr stark, zumal man hier mit Gleichgesinnten und Freunden zusammentrifft, aber der Wunsch nach Selbstentfaltung, Entwicklung der Persönlichkeit, sozialer Anerkennung und überschaubarer, eigenständiger Tätigkeit wächst.

4.      Gefährdungen des Ehrenamtes heute

Diese neuen Orientierungstendenzen, von denen eben die Rede war, müssen nicht unbedingt im Gegensatz stehen zu den klassischen Formen der ehrenamtlichen Tätigkeit. Aber es gibt zweifellos auch eine gewisse Rivalität zwischen diesen Formen. Das klassische Ehrenamt muss überlegen, ob es sich nicht stärker neueren Motivationen und Formen öffnet.

Eine eher etwas schwierige Entwicklung sehe ich in Tendenzen, die ehrenamtliche Tätigkeit irgendwie zu bezahlen. Eigentlich scheint mir dies ein Widerspruch zu sein. Ich sehe keine Einwände gegen eine Entschädigung gefahrener Kilometer und für echte Auslagen, auch nicht gegen eine Unterstützung von Fort- und Weiterbildung. Auch eine Versicherung gegen Unfall- und Haftpflichtschäden scheint mir plausibel zu sein. Dies ist ein weites Feld, das ich in diesem Rahmen nicht ausführlicher ansprechen muss. Ich sehe in jeder Form einer regelrechten Bezahlung den Anfang einer Zerstörung des Ehrenamtes. Im Kern muss m.E. die Unentgeltlichkeit gewährleistet sein. Manche Organisationen zerstören sich selbst das Engagement, wenn sie mit einer Entlohnung, auch wenn sie nur geringfügig ist, beginnen. Ich glaube auch, dass es ein Irrtum ist, man könne das Ehrenamt durch ein förmliches Entgelt attraktiv machen. Man zerstört es gerade in seinen tiefsten und wichtigsten Wurzeln, nämlich einer freiwilligen, durch nichts zu bezahlenden Motivation.

Es gibt freilich auch noch eine andere Gefährdung. Kritisch ist die Einschätzung der ehrenamtlichen Arbeit auch zu betrachten, wo der Staat durch steigende Verschuldung der öffentlichen Haushalte und steigende Kosten im sozialen Bereich und im Gesundheitssektor gekennzeichnet ist. Manchmal liegt die Versuchung nahe, dass unbezahlte Arbeit einige der nicht mehr vom Staat bezahlten Aufgaben übernehmen soll, die in den letzten Jahrzehnten in den Bereich staatlicher Fürsorge fielen. So wurden z.B. in England Sozialleistungen für bestimmte Personengruppen massiv gekürzt mit der Begründung, die Versorgung würde durch ehrenamtliches Engagement kostengünstiger. Es können jedoch nicht alle sozialen Aufgaben ehrenamtlich organisiert werden. In diesem Sinne muss man eine kritische Aufmerksamkeit im Blick auf die Förderung ehrenamtlichen Engagements durch den Staat haben, insofern dieser nur seinen Haushalt entlasten will. Ehrenamtlich tätige Menschen dürfen nicht „Melkkühe“ werden oder irgendwo der Ausnutzung ausgesetzt werden. Der Einsatz von Ehrenamtlichen kann auch zu Lohndumping führen. Der Lohndruck auf Professionelle und evtl. ihre Verdrängung vom Arbeitsmarkt ist ähnlich fragwürdig wie bei manchen subventionierten Tätigkeiten.

Schließlich ist zu beachten, dass es auch außerhalb des ehrenamtlichen Engagements in der Öffentlichkeit viele unentgeltliche Tätigkeiten in unserer Gesellschaft gibt, freilich hier meist im häuslichen Bereich, die nicht weniger wichtige Dienste für unsere Gesellschaft leisten. Ich denke z.B. an Hausarbeit, Krankenpflege und Kindererziehung. Sie verdienen nicht weniger Anerkennung als unentgeltliche Dienste, als das Ehrenamt im engeren Sinne.

5.      Beauftragung, Anerkennung und Dank

Nach meiner Erfahrung ist schließlich auch die Frage der Anerkennung und des Dankes für ehrenamtliches Engagement wichtig. Die Kirchen haben einen weiten Bereich ehrenamtlichen Engagements, auch wenn dieser Begriff nicht im Vordergrund steht. Wenn man schon an eine theologische Begründung denkt, dann könnte man zurückgreifen auf das jedem getauften Christen aufgegebene Zeugnis seines Glaubens, das sich besonders in den ehrenamtlichen Diensten der Gemeinden zeigt. Man kann aber auch an die Charismen des hl. Paulus denken, wenn er sagt: „Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt. Dem einen wird vom Geist die Gabe geschenkt, Weisheit mitzuteilen … einem anderen – immer in dem einen Geist – die Gabe, Krankheiten zu heilen.“ (1 Kor 12,7) „Wir haben unterschiedliche Gaben, je nach der uns verliehenen Gnade. Hat einer die Gabe prophetischer Rede, dann rede er in Übereinstimmung mit dem Glauben; hat einer die Gabe des Dienens, dann diene er. Wer zum Lehren berufen ist, der lehre; wer zum Trösten und Ermahnen berufen ist, der tröste und ermahne. Wer gibt, gebe ohne Hintergedanken; wer Vorsteher ist, setze sich eifrig ein; wer Barmherzigkeit übt, der tue es freudig.“ (Röm 12,6-8) Die Lehre von diesen Charismen stellt eine gute Brücke zur Freude als einer grundlegenden Motivation ehrenamtlicher Tätigkeit her.

Besonders in der katholischen Kirche haben wir nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil neben der Schaffung neuer hauptamtlicher Berufe die Stärkung des ehrenamtlichen Engagements zum Ziel. Dies geschieht vor allem in den zahlreichen Räten auf gemeindlicher und diözesaner Grundlage. Es geschieht nicht in dem weiten und reichen sozialen Hilfssystem der Verbände und der Caritas. Hinsichtlich des kulturellen Engagements, ich denke an die intensive Beteiligung vieler an der Musik in den Gemeinden, reicht vieles in die Gesellschaft hinein.

Als wir im Bistum Mainz schon in den 90er Jahren das Ehrenamt gestärkt haben (vgl. die Broschüre „Ehrenamt im Bistum Mainz“, Mainz 1999, Bischöfliches Ordinariat), ging mir die Wichtigkeit von drei Elementen auf, die für das Ehrenamt bedeutungsvoll sind:
Auftrag und Beauftragung: Das Ehrenamt ist nicht einfach selbstverständlich. Man darf es auch nicht so behandeln. Darum muss in und vor einer Gemeinschaft deutlich gesagt werden, dass man diesen und jenen Dienst im Rahmen einer Gemeinschaft einer bestimmten Person verdankt, die mit Namen genannt werden muss und die diesen Auftrag innehat.
Anerkennung:
Gerade wer verborgene Dienste ausübt, die kaum jemand öffentlich wahrnimmt (z.B. Kirchenputz) und diese vielleicht auch über längere Zeit verrichtet, sollte von Zeit zu Zeit – nicht erst am Ende der Tätigkeit – von Seiten der Gemeinschaft öffentliche Anerkennung finden. Es ist schäbig, wenn Dienste dieser Art einfach mit einer Form gleichgültiger Selbstverständlichkeit in Anspruch genommen werden.
Dank:
Dies sollte sich gerade auch im Dank äußern, der zur Anerkennung gehört. Dafür gibt es in jeder Gemeinschaft Zeichen und Symbole, die nicht viel kosten. Aber es ist eine Anzeige dafür, wie ein ehrenamtliches Engagement wahrgenommen und bewertet wird. Nach meiner Erfahrung werden durch diese Elemente Ehrenämter auch heute noch gefördert.

Wir könnten vieles in unserer Gesellschaft nicht erleben und aufrechterhalten, wenn nicht Millionen Menschen bereit wären, auf allen Gebieten ehrenamtliche Dienste zu verrichten. Deswegen ist es gut, in einer bundesweiten Aktionswoche in jedem Jahr darauf aufmerksam zu machen. Es ist notwendig, dass die vielen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen das Gespräch darüber intensivieren, um das Ehrenamt als bürgerschaftliches Engagement in unserer Zeit noch bekannter und auch attraktiver zu machen. In diesem Sinne kann man das Ehrenamt nicht genügend loben und anerkennen. Es lohnt sich. Aber selbstverständlich ist nichts mehr.