„Unser Lebensstil ist nicht tragbar“

Von den Vereinten Nationen zum Supermarkt um die Ecke: Initiativen wie Foodsharing helfen dabei, die globalen Nachhaltigkeitsziele der UN zu erfüllen. Elena Tzara ist im Vorstand der Essensretter – und überträgt ihr Bewusstsein für eine nachhaltige Entwicklung in bürgerschaftliches Engagement. Deshalb ist sie Engagement-Botschafterin der Woche des bürgerschaftlichen Engagements 2017.

Interview zuerst erschienen in: enorm Magazin

Frau Tzara, Sie sind Vorstandsmitglied im gemeinnützigen Verein Foodsharing e.V., der noch essbare Lebensmittel rettet, die sonst im Müll landen würden. Außerdem sind Sie "Engagement-Botschafterin 2017" und stehen in der Woche für bürgerschaftliches Engagement für das Schwerpunktthema "Unternehmensengagement und Sustainable Development Goals". Wie passt das zusammen, Sie von einer privaten Initiative und "Unternehmensengagement"?

Die Rolle als Botschafterin ist zunächst eine Auszeichnung für unser Engagement. Damit sollen wir als Vorbilder zeigen, wie präsent ehrenamtliches Engagement in Deutschland ist und was damit alles möglich ist. Wir von Foodsharing sind natürlich kein Unternehmen welches sich engagiert, sondern ein gemeinnütziger Verein. Gerade diese privaten Initiativen können aber bundesweite, breite Wirkung erzielen. Mit all den Freiwilligen, die sich bei uns einbringen - aktuell haben wir über 200.000 registrierte Nutzer, und über 25.000 ehrenamtliche "Foodsaver" - sind wir schon so etwas wie ein großes Unternehmen - und schaffen einen gesellschaftlichen Nutzen, der über den vieler Unternehmen hinausgeht. Wir arbeiten aber natürlich auch mit sehr vielen Unternehmen zusammen. Vor allem geht es da um Supermärkte und andere Akteure, die Lebensmittel wegschmeißen - und die wir dann retten.

Man könnte also sagen, das Engagement von Foodsharing fällt eher in den zweiten Teil "Ihres" Schwerpunktthemas: die Sustainable Development Goals, kurz SDGs. Damit haben die Vereinten Nationen politische Ziele für eine globale nachhaltige Entwicklung verabschiedet. Sie führen in der Öffentlichkeit aber eher noch ein Schattendasein, was womöglich auch daran liegt, dass für die konkrete Umsetzung im Zweifel Initiativen wie Foodsharing sorgen. Sind die SDGs womöglich nicht mehr als ein Papiertiger?

Letztlich geht es hier um den gesunden Menschenverstand und um ein allgemeines Verantwortungsbewusstsein bei allen Akteuren - Politik, Unternehmen, Initiativen, und Privatersonen. Die SDGs sollten auf keinen Fall nur eine freiwillige Erklärung sein, welche ja oft genug ohne Handlungen oder Konsequenzen bleiben. Die Menschen müssen erkennen, dass sie keine andere Wahl haben, wenn sie ihren Enkeln eine lebenswerte Welt hinterlassen wollen. Dabei muss man sagen, dass wir in Deutschland das aus einer unglaublich privilegierten Position heraus bewerten. Wenn wir schon nicht sagen können, wir können uns reduzieren und anfangen Dinge umzustellen, wer dann? Das wäre schon traurig. Jeder kann sich inzwischen ausrechnen, dass unser heutiger Lebensstandard langfristig nicht tragbar, nicht nachhaltig ist. Neben dem Engagement von Initiativen wie Foodsharing ist es die Verantwortung der Politik, die SDGs nicht als Papiertiger zu behandeln, sondern diese ernst zu nehmen, sie in die Öffentlichkeit zu rücken und an deren Umsetzung zu arbeiten.

Wie trägt Foodsharing konkret zur Umsetzung der SDGs bei? Immerhin sind es insgesamt 17 an der Zahl.

Indem wir erst einmal schlicht Lebensmittel retten, die sonst im Müll landen würden, helfen wir, Ressourcen einzusparen. Dadurch werden auch Energie und Wasser gespart, wir sichern Ernährung, schaffen nachhaltigere Konsum- und Produktionsweisen, schützen Ökosysteme und bekämpfen so auch den Klimawandel. Daneben engagieren wir uns natürlich auch politisch und setzen uns beispielsweise für ein Wegwerfstopp in Supermärkten ein. Das ist das große Rad, an dem wir drehen.

Und das kleine?

Im Lokalen sehen wir immer wieder, dass unsere Arbeit Kooperationspartner und andere dazu bewegt, umzudenken und Prozesse umzustellen. Durch das Retten von Lebensmitteln geben wir den Ressourcen einen Wert zurück. Aber natürlich gehen auch alle, die sich bei uns ehrenamtlich engagieren, bewusster mit Lebensmitteln, Konsum und Ressourcen allgemein um. In der Theorie können und kennen wir das alle. Aber wer dann einmal vor einem Auto steht, das mit Lebensmitteln aus nur einem einzigen Supermarkt vollgepackt ist und das auf die eigene Stadt hochrechnet, hat das einen viel größeren, viel nachhaltigeren Effekt.

Was bringt mehr, das große "Unternehmensengagement" - oder doch das kleine, private Engagement des Einzelnen?

Es braucht unbedingt beides. Große, bundesweite Leuchtturmprojekte wie Foodsharing sind vor allem auf der politischen Ebene wichtig, um auch Druck erzeugen zu können. Wenn das aber nicht gleichzeitig auf kleiner, lokaler Ebene in den Alltag der Menschen integriert werden kann, hat es viel weniger Effekt. Wir betreiben zum Beispiel Bildungsarbeit mit Schulen, was sehr kleinteilig organisiert und durchgeführt wird. Solche Maßnahmen funktionieren aber nur nachhaltig und sind überhaupt nur leistbar, wenn sie von größeren Organisationen und politisch unterstützt und getragen werden.