INHALT

> Im Interview: Ingo Pies, Professor für Wirtschaftsethik, und Peter Kromminga, UPJ e.V.
> Im Detail: Engagementprojekte von kleinen und mittleren Unternehmen
> Im Programm: Veranstaltung während der Aktionswoche

SONDER-INFOLETTER ZUR WOCHE DES BÜRGERSCHAFTLICHEN ENGAGEMENTS

Liebe Leserinnen und Leser,

Sie erhalten heute die SONDER-INFOLETTER anlässlich der Thementage der diesjährigen „Woche des bürgerschaftlichen Engagements“ (12. bis 20. September 2014).

Sie bieten Ihnen vertiefende Informationen und Diskussionsansätze zu den drei Thementagen der Aktionswoche:

ENGAGEMENT IN KLEINEN UND MITTLEREN UNTERNEHMEN (15. September 2014)

ENGAGIERT FÜR INKLUSION (17. September 2014)

ENGAGEMENT IN DER ALTERNDEN GESELLSCHAFT (19. September 2014)

Die SONDER-INFOLETTER, die wir Ihnen heute kompakt in einer Aussendung schicken, enthalten jeweils zwei Interviews mit markanten Positionen zum Thema und stellen Projekte und Veranstaltungen aus der Praxis vor.

Alle drei SONDER-INFOLETTER werden an die Abonnenten des INFOLETTERS der Woche des bürgerschaftlichen Engagements und einmalig auch über den Verteiler des BBE-Newsletters versandt.

Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre!

PD Dr. Ansgar Klein, Geschäftsführer des BBE

Henning Fülle, Redakteur

INHALT

Interview mit Prof. Dr. Ingo Pies, Halle
Interview mit Peter Kromminga, Berlin
Engagement-Projekte in KMU

Im Interview

 

 

 

1.      Herr Sittler, worin bestehen Irer Meinung nach die größten Herausforderungen des demografischen Wandels in Europa?

LS: Die Herausforderungen verteilen sich sehr unterschiedlich in den einzelnen Regionen Europas. Allgemein kann man aber folgende gemeinsame „Brennpunkte“ schon heute erkennen:

-          Die dramatische Abnahme an erwerbsfähigen Personen unter 65 Jahre und der schon heute einsetzende Fachkräftemangel

-          Der – zumindest in Deutschland – mindestens in einem vergleichbaren Rahmen steigende Bevölkerungsanteil der Personen über 65 Jahre mit weiter steigender Lebenserwartung, was das gesetzliche Rentensystem sehr beanspruchen wird

-          Der stark wachsende Anteil der (teilweise pflegebedürftigen) Hochaltrigen, die Teilhaberechte haben, denen wir schon heute nicht wirklich gerecht werden. Verstärkt wird diese Herausforderung durch das zu erwartende Nachlassen des sogenannten informellen Pflegepotentials in den Familien, die heute noch rund 70 Prozent der Pflegeleistungen erbringen.

2.      Welche Rolle könnte Ihrer Meinung nach das ursprünglich amerikanische Modell des Community Organizing bei der Bewältigung dieser Herausforderungen spielen?

Die Bundesregierung hat ja eine Expertenkommission zum Kernthema „caring communities“ eingesetzt, die bis 2015 ihr Ergebnis publizieren soll. Alle Fachleute sind sich einig, dass die konventionellen Maßnahmen in der stationären und ambulanten Pflege weder auf Dauer finanzierbar noch mit genügend hauptamtlichem Personal auszustatten sind. Konsens herrscht auch darüber, dass schon heute bei haushaltsnahen Dienstleistungen und der Teilhabe große Versorgungslücken (außerhalb der Pflege) bestehen. Wir sind überzeugt, dass nur die in eigener Verantwortung aufzubauende Nachbarschaftshilfe als ergänzende Maßnahme einen Teil dieser Lücken schließen kann. Und da könnte Community Organizing mit seinem integrativen und interkulturellen Ansatz ein wichtiger Treiber vor Ort werden, zumal das Format die unbedingte Selbstbestimmung an der Basis voraussetzt: Die wirksame Teilhabe ist das wichtigste Motiv für bürgerschaftliches Engagement.

 

3.      Gab oder gibt es hierzulande Projekte des Community Organizing, die Sie für besonders gelungen halten?

Ja, die Plattformen in Berlin, insbesondere in Süd-Ost („SO mit uns“) und in Wedding („Wir sind da!“) sind sehr gelungene Beispiele dafür, wie nach und nach Verbesserungen in der Quartiersentwicklung erreicht werden können.

 

4.      Welche Rolle kommt Ihrer Meinung nach den Unternehmen, welche dem Staat bei der Bewältigung des demografischen Wandels zu?

Wir sehen die Notwendigkeit, die staatliche Rolle bei der Daseinsvorsorge, auf existenzielle Risiken zu beschränken und alles, was die Bürger selbst gestalten können, zunehmend aus der öffentlichen Daseinsvorsorge herauszunehmen. Das ist nicht nur aus finanziellen Gründen sinnvoll, sondern auch im Zusammenhang mit dem Generationenvertrag. Wir dürfen die Leistungspflicht und die Schuldenlast nicht noch vergrößern. Der Markt wird die dabei entstehenden Lücken nicht füllen können, weil bei einigen Personen – auch infolge der deutlichen Absenkung der durchschnittlichen Renten – einfach zu wenig Geld da sein wird und zum Teil schon ist. Aus dieser Not sollten wir eine Tugend machen: Das, was der Einzelne gemeinsam mit anderen vor Ort selbst an Gemeinschaftsleistungen erbringen kann, das soll er auch erbringen – das ist für den Einzelnen gut und sinnerfüllend, schafft ein Zusammengehörigkeitsgefühl und ist auch finanziell wirksamer. Aber noch fehlen oft die dafür notwendigen Ermöglichungsstrukturen, die die Zivilgesellschaft selbst aufbauen muss. Sie sollte dabei sowohl vom Staat als auch von der Wirtschaft – und von zivilgesellschaftlichen Stiftungen – unterstützt werden.

 

5.      Wo sollten Akteure beider Seiten in Ihren Augen noch aktiver werden?

Staat und Wirtschaft sollten sich von der „Projektitis“, also dem auf viele kleine, oft parallel arbeitende Fördereinheiten verteilten Unterstützungsverhalten, verabschieden und statt vieler kleiner Projekte besser systematische und langfristige Entwicklungsprozesse fördern: Dass alle Akteure gemeinsam mit verteilten Rollen und unter Beteiligung der Bevölkerung lokale Demografiestrategien entwickeln – das ist mein Traum.

6.      Sie setzen sich u.a. für Seniorengenossenschaften ein – worin bestehen die besonderen Merkmale dieses Modells?

Genossenschaften sind sogenannte Hybridmodelle – sie vereinigen in sich als Rechtsform einen Wirtschaftsbetrieb, werden aber demokratisch aufgebaut und reinvestieren in der Regel ihre Gewinne. Sie entstehen überall da, wo der Staat nicht (mehr) leisten und der Markt nicht zu einem angemessenen Preis funktionieren kann – und dieses Phänomen tritt bei der Gruppe der Senioren verstärkt auf. Die Genossenschaften sind dem Solidaritätsprinzip verhaftet und jeder hat eine Stimme, unabhängig von der Höhe seines Anteils. Sie sind die ideale Rechtsform für die Selbstorganisation kleiner Gemeinschaften. Und wir wissen, dass die Selbstbestimmung gerade für ältere Menschen der höchste Wert ist.

 

7.      Wie können Engagementprojekte dazu beitragen, die schwierige Balance der Generationen-Gerechtigkeit zu konsolidieren?

Einzelne Projekte können eine kleine Linderung in ihrem Einzugsbereich bewirken, aber nicht wirklich im großen Maßstab funktionieren. Was wir brauchen, ist eine neue Haltung zu allen Fragen der sozialen Innovation. Und wir brauchen eine viel engere und auf prioritäre Ziele abgestimmte systematische Zusammenarbeit aller Sektoren. Wir müssen die Zukunft gestalten, die wir haben wollen: mit längeren Lebensarbeitszeiten für mehr Rentengerechtigkeit, mit höheren Beschäftigungsquoten in allen Generationen – das ist auch eine Frage der Bildung – und in allen Bereichen mit mehr bürgerschaftlichem Engagement. Damit ließen sich viele Defizite im bisherigen System überwinden. Das bedeutet aber auch eine andere Förderpolitik und die Verwirklichung von viel mehr Eigen- und Mitverantwortung – viel mehr als einzelne Projekte je entfalten können.

Herzlichen Dank!

 


Lesen Sie hier das vollständige Interview.

 

 

Sonder-INFOLETTER "Engagement in kleinen und mittleren Unternehmen" (15.9.2014)

Liebe Leserinnen und Leser,

Geld- oder Sachspenden sind schön und gut, aber die Palette der Betätigungsfelder ist für kleine und mittlere Unternehmen ist ungleich bunter! Ob Inklusion von Gehörlosen oder Schutz eines Moores, Familienfreundlichkeit oder sogar Wiederbelebung eines stillgelegten Bahnhofsgebäudes - unsere kleine Auswahl von  Engagementprojekten offenbart die Vielfalt, mit der gerade kleine und mittlere Unternehmen sich engagieren können. Und vielleicht bietet sie sogar dem ein oder anderen Unternehmer Anregungen für mögliche Betätigungsfelder des eigenen Betriebes.

Zunächst führen Sie jedoch der Wirtschaftsethiker Ingo Pies sowie der Vorstand des UPJ e.V., Peter Kromminga, in die komplexe Thematik des Engagements von kleinen und mittleren Unternehmen ein; wir haben beiden Experten Fragen zu Potenzialen und Herausforderungen dieser Facette des Engagements gestellt.

Wenn wir Sie hinreichend neugierig gemacht haben, interessiert Sie vielleicht der Hinweis auf unsere Veranstaltung X, die am Y während der diesjährigen Woche des bürgerschaftlichen Engagements stattfindet.

Die Redaktion wünscht Ihnen eine anregende Lektüre!

Herzlich ihr Henning Fülle (Redakteur) und Ihre Julia Solinski (Redaktionsassistentin)

 

 

Im Interview

Ingo Pies, Professor für Wirtschaftsethik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, erläutert im Interview u.a., warum Wirtschaftlichkeit und Engagement keine gegensätzlichen Pole sind, sondern einander ergänzen können, und was getan werden müsste, um die Engagementpotenziale von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) stärker zu mobilisieren.

Lesen Sie hier das vollständige Interview.

Auszüge aus den Antworten von Herrn Prof. Pies:

"Die KMU sind die eigentlichen Erfinder der Praktiken, die wir heute als CSR bezeichnen. Eine ausgeprägte Kunden- und Mitarbeiterorientierung muss man den meisten Familienunternehmen nicht erst künstlich beibringen. "

"[Ich] bin skeptisch, wenn manche so tun, als gäbe es einen sonderlich drängenden Bedarf dafür, dass staatliche Bürokraten privatwirtschaftliche Unternehmen darin unterweisen, sich gesellschaftlich zu engagieren. Für mich ist das so, als wollte man Eulen nach Athen tragen."

" [...] gerade auch im zivilgesellschaftlichen Sektor beobachten wir eine starke Zunahme partnerschaftlicher Engagements, etwa wenn mittelständische Unternehmen der Pharmabranche bestimmte Selbsthilfegruppen von Patienten mit seltenen Krankheiten unterstützen oder wenn Unternehmen der IT-Branche mit Behinderten-Werkstätten zusammenarbeiten, um die inklusiven Wirkungen der neuen Technologien (z.B. Textvergrößerungen für Sehbehinderte oder Textversprachlichung für Blinde) zu erforschen und zu erproben, [...]"

Peter Kromminga ist Geschäftsführer des UPJ e.V.

Lesen Sie hier das vollständige Interview mit Peter Kromminga.

Im Detail: Engagementprojekte von kleinen und mittleren Unternehmen

Engagementbotschafter 2014

Um die Integration gehörloser Mitarbeiter zu fördern, bietet die Alfred Kiess GmbH allen Kollegen kostenlose Kurse zum Erlernen der Gebärdensprache an. Zudem setzt sich insbesondere der Geschäftsführer Tilo Kiess als Spender bei der Deutschen Knochenmarkspenderdatei ein und organisiert Typisierungsaktionen. Mittlerweile sind fast alle der fünfzig Mitarbeiter des Unternehmens bei der DKMS registriert. 

2006 riefen die Geschäftsführer die Wohltätigkeits-Veranstaltung „Comedy und Kunst zwischen Hobelbänken“ ins Leben. Das Unternehmen spendet die Erlöse der Theateraufführung zwischen Hobelbänken und Maschinen der „Olgäle Stiftung für das kranke Kind“ e. V. Seit dem Start des Projektes konnten die Geschäftsführer bereits drei Veranstaltungen durchführen und insgesamt 18.500 Euro an die Stiftung übergeben.

Dafür ist das weltweit tätige, familiengeführte Innenausstattungs-Unternehmen mit Sitz in Stuttgart in diesem Jahr zum Engagement-Botschafter in der Kategorie „Unternehmensengagement kleiner und mittlerer Unternehmen“ ernannt worden.

Gemeinsam für Naturschutz

Ulrich Walter handelt seit 30 Jahren mit umweltverträglich angebauten Tee-, Kaffee- und Gewürzsorten aus aller Welt. Aber auch in seiner Heimat möchte der Unternehmer einen Beitrag zum Naturschutz leisten. Im niedersächsischen Diepholz, dem Sitz der Ulrich Walter Lebensbaum GmbH, befindet sich ein ausgedehntes Moorgebiet, dessen Schutz sich die von der Familie Walter gegründete Stiftung Lebensbaum zur Aufgabe gemacht hat. Mit dem tätigen Einsatz der Firmenbelegschaft wird die Wiedervernässung des Moors gefördert, zudem hat die Stiftung eine Patenschaft für das Diepholzer Moor übernommen und fördert das Projekt mit Geldspenden. Ein engagiertes Corporate-Volunteering-Projekt!

Nächster Halt: Bürgerbahnhof!

Als Utopie und Spinnerei ist die Idee von Christian Skrodzki zunächst verlacht worden, das historische Bahnhofsgebäude im Leutkircher Allgäu wieder in Stand zu setzen. Seit Wendezeiten stillgelegt, war der über 100 Jahre alte Bau zur Ruine verkommen, als Skrodzkis Agentur „inallermunde design“ sich seiner annahm. Das 15 Mitarbeiter starke Unternehmen entwickelte nicht nur ein Nutzungskonzept, sondern organisierte auch den Ankauf des Gebäudes durch die Gemeinde Leutkirch. Heute ist der „Leutkircher Bürgerbahnhof“ ein mehrfach ausgezeichnetes Vorbild für Unternehmens- und Bürgerengagement, das sowohl die Allgäuer Gemeinde als auch die Design-Agentur über die Grenzen der Region hinaus bekannt gemacht hat. Utopisch? Visionär!

Familienfreundliche Unternehmen

Im Jahre 2008 haben sich im westfälischen Gronau mehrere Organisationen und Unternehmen zusammengeschlossen, um gemeinsam eine Betreuung ihrer Mitarbeiterkinder in den Sommerferien zu organisieren. Seit 2010 können nun die Kinder der Mitarbeitenden in den Sommerferien eine Ferienfreizeit besuchen. Im vergangenen Jahr betreute ein 25-köpfiges Team aus ausgebildeten Erzieher/innen und Pädagogik-Student/innen vom DRK montags bis freitags rund 60 Kindern im Alter von 4-12 Jahren und ermöglichte ihnen ein abwechslungsreiches Ferienprogramm in den Räumlichkeiten der Overbergschule in Epe. Die Betreuung selbst stand jede Woche unter einem anderen Motto und beinhaltete auch Ausflüge.

Zu den sieben beteiligten Unternehmen der Gronauer Initiative Familienfreundlichkeit in Unternehmen (GrIFU ) zählen der Industriebau HOFF und Partner GmbH Gronau, die Mondi Gronau GmbH sowie Sparkasse Gronau, das St.-Antonius-Hospital Gronau, die Stadt Gronau, die Stadtwerke Gronau GmbH und die „Job find 4 you“-Personalmanagement GmbH.

Unterstützung für Obdachlose

Arbeitslosigkeit oder Schicksalsschläge können jeden treffen und Menschen aus allen Gesellschaftsschichten in Wohnungsnot bringen. Ohne Arbeit findet man kaum eine Wohnung, aber ohne festen Wohnsitz bekommt man häufig keinen Arbeitsplatz – ein Teufelskreis, dem Betroffene nur schwer entfliehen können. Projekte des betreuten Wohnens können ihnen jedoch helfen. Ermöglicht wird dies zum Beispiel in württembergischen Sigmaringen durch eine Kooperation zwischen der Wohnungslosenhilfe „Arbeitsgemeinschaft für Gefährdetenhilfe und Jugendschutz“ e.V. (AGJ) und der Landes-Bau-Genossenschaft Württemberg eG, die eines ihrer Objekte zu einem geringen Preis bereitstellt. Von den 132 Personen, die seit 2006 darin  betreut wurden, leben heute 120 wieder selbständig in einer eigenen Wohnung. So kann strategisches Engagement aussehen!

Veranstaltungshinweis

...Veranstaltung zum Themenschwerpunk KMU während der Aktionswoche...

Hrsg.: Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement
V.i.S.d.P.: PD Dr. Ansgar Klein
Infoletter-Redaktion: Dr. Henning Fülle, Dieter Rehwinkel
Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE)
BBE Geschäftsstelle gGmbH - Team der Aktionswoche -
Michaelkirchstraße 17/18
10179 Berlin
Tel: +49 (030) 62980 - 120
Fax: +49 (030) 62980 - 9183
E-Mail: aktionswoche@b-b-e.de
www.engagement-macht-stark.de
www.b-b-e.de

Logo von BBE
Partner