Sechs Menschen sitzen draußen auf einer Steintreppe und unterhalten sich.

Einsamkeit ist nicht nur ein individuelles Gefühl, sondern Ausdruck einer gesellschaftlichen Krise. Lösungen für Einsamkeit und Migration erfordern eine Neubewertung von Identität, die Zugehörigkeit schafft und jeden Menschen als Teil des Ganzen begreift.

Die steigende Einsamkeit ist mehr als nur ein persönliches Gefühl. Sie ist ein Warnsignal dafür, dass wir vergessen, was uns verbindet. Menschen, die fliehen mussten, flohen oft aus Regionen, in denen ihre Gemeinschaften durch Kriege oder Armut zerstört wurden. Sie suchen nicht nur Sicherheit, sondern auch ein neues Zuhause, einen Ort, an dem sie wieder dazugehören können. Doch in der neuen Heimat fühlen sie sich oft doppelt einsam: Die alte Gemeinschaft existiert nicht mehr, und in der neuen Gesellschaft finden sie kaum Anschluss. Es ist, als ob die Zugehörigkeit an unerreichbare Bedingungen geknüpft ist – perfekte Sprachkenntnisse, die genaue Anpassung an fremde Bräuche oder das Aufgeben eines Teils der Identität.

Wenn wir diese beiden Probleme – Einsamkeit und Flucht – als zwei Seiten derselben Medaille begreifen, können wir sie nicht nur überwinden, sondern auch eine stärkere, gerechtere und hoffnungsvollere Gesellschaft aufbauen. Basierend auf diesem Glaubensgrundsatz handelt die Bahá’í-Gemeinde weltweit gemeinsam mit Menschen jeglicher Herkunft und Religion. Gemeinsam mit Nachbarn entstehen Gemeinschaften, die offen sind.

Es wird deutlich, dass echte Gemeinschaft nicht einfach durch die Anwesenheit anderer Menschen entsteht, sondern durch bedeutsame Beziehungen zwischen ihnen. Sie erfordert ein grundlegendes Neudenken: weg von einem „Wir“ und „Ihr“ und hin zu der Überzeugung, dass alle Menschen tief miteinander verbunden sind. Das Wohl jedes Einzelnen und das Wohl der ganzen Gesellschaft sind eng miteinander verknüpft. Es ist diese umfassende Perspektive, die es uns ermöglicht, Fremde als Freunde zu sehen.

Jeder Mensch hat den Wunsch nach Zugehörigkeit und Gemeinschaft – nach einem Ort, an dem man sich sicher, verstanden und wertgeschätzt fühlt. Die gute Nachricht ist: Viele Menschen bringen sich bereits aktiv ein, um solche Orte zu schaffen. Dieser Wandel beginnt oft lokal. Jede Stadt, jedes Viertel, jedes Dorf, jedes Zuhause kann ein solcher Ort werden und jeder Mensch hat bereits die notwendigen Fähigkeiten, solche Orte zu schaffen: Die Fähigkeit, auf andere zuzugehen; in jedem Menschen etwas Wertvolles zu sehen; und die Bereitschaft, Räume zu öffnen, in denen sich jeder einbringen kann.

Die Rolle von Glaubensgemeinschaften ist dabei enorm wichtig. Oft sind sie die ersten Anlaufstellen für Geflüchtete. Versammlungen, die alle Menschen dazu einladen, in einer hoffnungsvollen Atmosphäre gemeinsam zu beten, bieten die Möglichkeit, auch durch scheinbar kleine Taten wertvolle Beiträge zu leisten: Gebete sprechen, inspirierende Geschichten erzählen, Lieder singen oder Gespräche führen – kleine Schritte, die helfen, sich (wieder) als Teil einer Gemeinschaft zu fühlen und selber Verantwortung für die Gemeinschaft zu übernehmen.

Das Beseitigen von Einsamkeit kann nicht allein beim Einzelnen liegen. Es reicht nicht, sich zu wünschen, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Die Gemeinschaft muss aktiv die Hand ausstrecken. Es geht um Handlungen, die die Mauern der Einsamkeit einreißen und die tiefe Verbindung zwischen allen Menschen – die Einheit der Menschheit – in den Vordergrund stellen.

 

Aria Behjat & Lidia Rosenfeld, Bahá´í-Gemeinde in Deutschland