Eine Frau im Rollstuhl schaut von Weitem auf eine Gruppe junger Menschen, die auf einer Wiese zusammen sitzen.

Immer mehr junge Menschen leiden unter Einsamkeit. Wer eine Beeinträchtigung, Fluchterfahrung oder wenig Geld hat, gehört deutlich häufiger zur Risikogruppe. Das Inklusionsbarometer Jugend der Aktion Mensch zeigt, dass sich junge Menschen mit Beeinträchtigung doppelt so häufig einsam fühlen wie junge Menschen ohne Beeinträchtigung.

Wer Einsamkeit erlebt, der schaut deutlich pessimistischer in die Zukunft und ist insgesamt weniger zufrieden mit seinem Leben. Das zeigt das Inklusionsbarometer Jugend der Aktion Mensch (2024). Nur gut die Hälfte der jungen Menschen mit Beeinträchtigung ist mit ihrem Leben insgesamt zufrieden. Bei jungen Menschen ohne Beeinträchtigung sind es knapp 80 Prozent.

Einsamkeit kann junge Menschen schon früh in ihrem Leben belasten. Daher müssen wir Gesellschaft, Institutionen und unser Miteinander so gestalten, dass wir junge Menschen nicht alleine lassen, sondern sie stärken und ihnen ermöglichen, überall teilhaben zu können. Sie brauchen Vertrauen und Sicherheit für ihre Zukunftspläne. Fangen wir noch heute damit an:
 

1. Sichere Orte und Möglichkeiten der Begegnung schaffen

Junge Menschen brauchen Orte, an denen sie sich sicher fühlen, akzeptiert werden und auf natürliche Weise andere Menschen treffen können. Wir brauchen Orte, an denen junge Menschen keine Leistung zeigen müssen und wo sie auch nichts kaufen oder Eintritt bezahlen zu müssen. Das können zum Beispiel Jugendzentren, Musik- und Sportvereine sein oder auch Theatergruppen und Leseclubs. Entscheidend ist dabei, dass diese Räume inklusiv sind und soziale Vielfalt abbilden. Das heißt, dass alle willkommen sind, wie zum Beispiel junge Menschen mit Lernschwierigkeiten, nicht-binäre Personen, Menschen mit wenig Geld oder Menschen, deren Eltern nicht in Deutschland geboren sind.
 

2. Persönlichkeit und Konflikt-Fähigkeit stärken

Viele junge Menschen tun sich schwer mit Konflikten, Nähe oder Zurückweisungen. Sie kommunizieren über Soziale Medien wie YouTube, TikTok, WhatsApp oder Discord. Doch all dieses Schreiben, Liken und Posten kann zwischenmenschliche Kontakte in der echten Welt nicht ersetzen. Schulen und Bildungseinrichtungen sollten daher soziale Kompetenzen fördern. Zum Beispiel durch Gruppenarbeit, gemeinsame Projekte oder inklusive Beteiligung lernen junge Menschen andere Meinungen kennen. Sie lernen, sich fair zu streiten und zu diskutieren. Und sie lernen, mit anderen zu kooperieren, mit Gefühlen umzugehen und Beziehungen aufzubauen. Wer dies schon früh erfährt, ist weniger anfällig für Einsamkeit.
 

3. Digitale Kompetenzen fördern

Soziale Medien wie Instagram oder TikTok zeigen selten die Realität. Fake-Videos, stark bearbeitete Fotos oder falsche Informationen beeinflussen viele junge Menschen. Gleichzeitig können moderierte Online-Gruppen, anonyme Hilfsangebote oder Community-Plattformen auch Teil der Lösung sein. Deshalb ist es wichtig, Medienkompetenz zu fördern. Wer sich gut mit digitalen Medien auskennt, kann sicher und selbstständig entscheiden, ob Informationen, Bilder oder Videos echt sind oder nicht.
 

4. Mentoring und Beziehungsangebote stärken

Es gibt sehr gute und hilfreiche Mentoring-Programme oder Peer-Unterstützung von ehrenamtlich engagierten Menschen. Davon brauchen wir noch mehr: Auch Sozialarbeiter*innen, Mentoring-Programme an Schulen oder im Sozialraum können helfen. Denn diese eine Bezugsperson, die einem jungen Menschen beisteht, ihn unterstützt, stärkt und bei Misserfolgen zum Weitermachen auffordert, kann für junge Menschen den Unterschied machen. Mentoring und Peer-Unterstützungen bieten persönliche Begleitung und soziale Teilhabe. Die dadurch entstandenen Beziehungen schaffen bei jungen Menschen Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und geben ihnen Sicherheit. So fühlen sie sich verstanden und verbunden.
 

5. Psychische Gesundheit offen ansprechen

Viele junge Menschen sprechen nicht über ihre Einsamkeit – aus Scham, Angst ausgelacht oder nicht ernst genommen zu werden. Damit wir Lösungen finden und Hilfe bieten können, müssen wir offen über Einsamkeit und psychische Gesundheit sprechen: in Schulen, Familien und Freizeit. Und wir brauchen mehr psychologische Beratung und therapeutische Hilfe, damit alle Menschen schnell Unterstützung bekommen, wenn sie sie brauchen.
 

Gemeinsam gegen Einsamkeit

Einsamkeit ist kein persönliches Versagen, sondern ein gesellschaftliches Problem – und sie ist veränderbar. Wenn Staat, Zivilgesellschaft, Medien und Politik mehr zusammenarbeiten, dann werden wir mehr Verbundenheit und weniger Einsamkeit erleben. Wir müssen Orte für alle schaffen, an denen echte Begegnung möglich ist. Orte, an denen junge Menschen gestärkt werden. An denen sie das Gefühl haben, dazuzugehören und sie so sein können, wie sie sind. Denn nur wer sich verstanden und verbunden fühlt, kann sich entfalten, in die Gesellschaft einbringen und ein selbstbestimmtes Leben führen.
 

Silke Niemann, Aktion Mensch
Team Kinder & Jugend