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Es ist immer wieder positiv und beruhigend zu sehen, wie wichtige gesellschaftliche Themen ihren „Minderheiten- und Exotenstatus“ verloren haben. Dies zeigt sich daran, dass Themen nach und nach von verschiedenen politischen Spektren und Gruppierungen aufgegriffen werden.

Dass Ressourcen zur Verfügung gestellt werden zur Erarbeitung seriöser und belastbarer Sachinformationen. Dass es zur besten Sendezeit differenzierte Diskussionen in prominent besetzten Debattenrunden gibt. Die Themen Integration, Migration und Klimawandel symbolisieren diese positive Entwicklung. Denn: Versachlichung ist eine Voraussetzung für Lösungsfindung.

Beim Thema Geschlechtergerechtigkeit zeichnet sich diese Entwicklung kaum oder zu wenig ab. Geschlechtergerechtigkeit würde heißen, dass die Leistungen von Frauen, die sie zum gesellschaftlichen Zusammenhalt und zum Wohlstand dieses Landes beitragen, entsprechend anerkannt werden, materiell und immateriell. Beides ist bislang unzureichend der Fall. Immerhin gibt es inzwischen genügend Zahlenmaterial, das uns die Situation wenigstens einigermaßen wissend und seriös betrachten lässt.

Der Arbeitsbegriff, der den gängigen Berechnungen von Produktivität und Wertschöpfung in einer Gesellschaft zugrunde liegt, klammert nicht nur einen Grossteil an Tätigkeiten aus, sondern den Hauptanteil: unbezahlte Arbeit. Und damit einen Großteil der Leistungen von Frauen. Der verwendete Arbeitsbegriff umfasst ausschließlich Tätigkeiten, die der Herstellung und dem Konsum materieller und immaterieller Güter und Dienstleistungen dienen, und die bezahlt sind. In allen Gesellschaften ist die Menge der unbezahlten Arbeit jedoch größer als die Menge bezahlter Arbeit. In Deutschland wurde im Jahr 2013 für unbezahlte Arbeit 35% mehr Zeit aufgewendet als für bezahlte Arbeit, wie das Bundesamt für Statistik mitteilte: 89 Mrd. Stunden für unbezahlte, 66 Mrd. Stunden für bezahlte Arbeit. Die unbezahlte Arbeit umfasst jedoch vor allem reproduktive Tätigkeiten, die „der Erschaffung und dem Erhalt der Gesellschaft“ (Gisela Notz) dienen. Diese umfassen Hausarbeit, Erziehung, Pflege wie auch bürgerschaftliches Engagement, das unentgeltlich geleistet wird. Mit vier Stunden pro Tag leisten Frauen mehr als Männer, die durchschnittlich 2,5 Stunden pro Tag investieren. Diese geschlechtsspezifische Arbeitsteilung bedeutet für Frauen eine geringere Möglichkeit, einer Erwerbsarbeit nachzugehen und Einkommen zu erzielen, und auch weniger Zeit für bürgerschaftliches Engagement. Diese besondere Rahmenbedingung für Frauen, die ihnen als Rollenaufgabe gesellschaftlich zugewiesen wird, wird kaum reflektiert. Denn die Forderung müsste auch hier heißen: Eine gerechte Aufteilung der Haus-, Pflege- und Erziehungsarbeit, dieser eminent wichtigen Tätigkeit für die Gesellschaft und deren Zusammenhalt, würde es auch Frauen erlauben, mehr Zeit in freiwilliges Engagement zu investieren und auch dort mehr prestigeträchtige Ämter und Funktionen zu gewinnen und auch anzustreben.

Allein – die Anerkennung fehlt. Und sie hat ihren Kern immer noch und nach wie vor in der Tatsache, dass die Leistungen von Frauen immer noch nicht denselben Wert zugeschrieben bekommen. Im 21. Jahrhundert und mitten in Europa.

 

Autorin:
Dr. Jeannette Behringer ist Studienleiterin für Gesellschaft & Ethik an der Evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich. Die promovierte Politologin und Ethikerin ist kooperierendes Mitglied im BBE.