Einsamkeit hat viele Gesichter. Situationen, Lebensphasen und Umstände – ob als Kind, Erwachsener, junger oder älterer Mensch – können dazu führen, dass wir uns einsam fühlen. Als Gesellschaft sollten wir Einsamkeit enttabuisieren, sie als Teil des Lebens anerkennen – und uns dort gegenseitig unterstützen, wo Nähe und Verbindung gewünscht werden.
Wir alle brauchen soziale Beziehungen und möchten uns zugehörig und angenommen fühlen. Dieses Bedürfnis begleitet uns im Alltag. Deshalb treffen wir uns mit anderen, bauen Beziehungen auf und lassen Nähe zu. Der Wunsch nach Verbindung kann dabei sehr stark und dauerhaft sein. Manchmal sehnen wir uns nach mehr Nähe oder anderen Arten von Beziehungen. Und manchmal erleben wir Beziehungen, die nicht unseren Vorstellungen entsprechen – etwa, weil sie uns zu oberflächlich erscheinen. Wenn wir einen Unterschied zwischen unseren sozialen Bedürfnissen (den gewünschten sozialen Beziehungen) und den tatsächlichen Beziehungen empfinden und dies als belastend oder dauerhaft negativ erleben, sprechen wir von Einsamkeit.
Diese Sehnsucht nach Nähe, danach, mit anderen in Beziehung zu stehen, zeigt sich oft als Gefühl fehlender Zugehörigkeit: Menschen fühlen sich unverstanden oder haben das Gefühl, sich auf enge Freund*innen oder Familienangehörige nicht verlassen zu können. Solche Erfahrungen können in jeder Lebensphase auftreten – von der Kindheit bis ins hohe Alter. Einsamkeit entsteht oft in Zeiten des Umbruchs, etwa nach dem Verlust eines geliebten Menschen oder einem Umzug. Aber auch zu wenig Geld oder Zeit können dazu führen, dass wir weniger am sozialen Leben teilhaben, als wir es uns wünschen. Manche Menschen vermissen eine enge Freundschaft, andere eine intime Partnerschaft. Wieder andere sehnen sich nach mehr Kontakten im Alltag – etwa nach einem kurzen Gespräch beim Bäcker um die Ecke.
Das Mosaik der Einsamkeiten
In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Einsamkeit wird zwischen verschiedenen Formen unterschieden. Dauer und Art der empfundenen Einsamkeit sind dabei entscheidend – ebenso wie die Frage, welche Art von Zugehörigkeit oder Verbindung vermisst wird. Einsamkeit kann auch dann entstehen, wenn Menschen über bedeutende Fragen grübeln, keine Antworten darauf finden oder niemanden haben, mit dem sie darüber sprechen können. Zum Beispiel: Warum lebe ich? Was verbindet mich mit anderen? Warum fühle ich mich so allein mit meinen Empfindungen?
Zwar kennen wir das Bild der vereinsamten Großstadtbewohnerin, des alten Mannes im Pflegeheim oder des grübelnden Einzelgängers – doch es greift zu kurz und stimmt häufig nicht. Einsamkeit kann viele Formen annehmen und in ganz unterschiedlichen Lebenslagen auftreten. Wir können deshalb von einem „Mosaik der Einsamkeiten“ sprechen – ein Bild für die Vielfalt an Ursachen, Ausprägungen und individuellen Erfahrungen. Das macht den Umgang damit anspruchsvoll – und unterschiedliche Wege im Umgang mit Einsamkeit umso wichtiger.
Einsamkeit bringt zusätzliche Hürden mit sich
Einsamkeit ist oft mit Vorurteilen behaftet – etwa mit der Vorstellung, Betroffene seien selbst schuld, seltsam oder unfähig, Beziehungen zu führen. Gleichzeitig fällt es vielen schwer, über Einsamkeit zu sprechen – sowohl den Betroffenen selbst als auch ihrem Umfeld. Das liegt nicht nur an der Scham und der grundsätzlichen Schwierigkeit über negativ belastete Themen zu sprechen, sondern auch daran, dass wir nicht wissen, wie andere reagieren werden. Die Angst vor Unverständnis oder Ablehnung ist groß – und leider immer wieder berechtigt.
Zudem gilt Einsamkeit häufig als etwas „Unnormales“, das nicht in ein erfülltes Leben passt und deshalb schnell behoben werden müsse. Dabei kann Einsamkeit belastend sein – muss es aber nicht. Entscheidend ist, wie die betroffene Person sie erlebt und ob sie sich eine Veränderung wünscht. Wichtig ist: Soziale Beziehungen sollten zu unseren Wünschen und Bedürfnissen passen. Wenn das nicht gelingt, entsteht eine Herausforderung – manchmal in Form von Einsamkeit. Gleichzeitig sollten wir Einsamkeit als Teil des Lebens akzeptieren. Denn der Wunsch nach Zugehörigkeit und das Bedürfnis nach sozialen Beziehungen erfüllen grundlegende gesellschaftliche wie persönliche Funktionen – auch wenn sie nicht immer vollständig erfüllt werden können. Und das ist völlig in Ordnung.
Was bürgerschaftliches Engagement bei Einsamkeit bewirken kann
Engagierte Menschen können einen wichtigen Beitrag leisten: indem sie Vorurteile abbauen und Einsamkeit als Teil gesellschaftlicher Realität anerkennen. Sie können Betroffene begleiten – so, wie es von diesen gewünscht wird. Das kann bedeuten, neue Beziehungen aufzubauen, muss es aber nicht. Für manche Menschen liegt die Lösung vielmehr darin, einen guten Umgang mit ihrer Einsamkeit im Alltag zu finden.
Um Begegnung zu ermöglichen oder bestehende Beziehungen zu stärken, kann bürgerschaftliches Engagement Räume und Anlässe schaffen – etwa gemeinsame Mittagstische, Aufräumaktionen in der Nachbarschaft oder Handwerks- und Stricktreffen. Daraus können Kontakte und soziale Bindungen entstehen – vielleicht sogar Freundschaften.
Es gibt nicht den einen Umgang mit Einsamkeit. Vielmehr können Einzelpersonen, Vereine, Gruppen, Nachbarschaften und Organisationen auf verschiedenen Ebenen aktiv werden: bei betroffenen Personen selbst, bei möglichen Gesprächspartner*innen, bei Begegnungsorten und Aktionen oder auch bei gesellschaftlichen Vorstellungen und Werten.
Das kann bedeuten, Gruppenaktivitäten zu ermöglichen und zum Beispiel runde Tische bereitzustellen, an denen Austausch stattfindet. Es kann aber auch bedeuten, einzelne Tische so im Raum zu platzieren, dass das „Alleinsein“ als Teil der Gemeinschaft erlebbar wird. So wird deutlich: Alle Menschen gehören selbstverständlich dazu.
Dr. Nora Becker, TU Dortmund
Institut für Philosophie und Politikwissenschaft









