Oft haben wir Gedanken, Erlebnisse, Gefühle oder Situationen, über die wir gerne reden wollen. Wenn dann niemand zum Reden da ist, fühlen wir uns einsam. In München können Menschen seit 2021 in den „Zuhörraum“ kommen und ihre Geschichten erzählen.
Wie Menschen durch Reden Kraft finde
Angefangen hat alles, als sich 2021 zwei Menschen im Englischen Garten in München getroffen und einander bedingungslos zugehört haben. Zuhören ohne Ratschläge zu geben, ohne Urteile zu fällen, nur echte Aufmerksamkeit schenken. Dieser Moment der echten Verbundenheit war der Beginn für die Idee für „momo hört zu e. V.“
Dieses Gefühl der Verbundenheit möchte Michael Spitzenberger, Gründer und Vorstand des Vereins nun auch an andere Menschen weitergeben. „Wir wollen einen Ort schaffen, an dem sich Menschen begegnen und zuhören können,“ sagt Michael Spitzenberger. „Dabei geht es nicht um Therapie, sondern um das, was jeder Mensch geben kann: Präsenz, Mitgefühl, Zeit.“
Reinkommen, hinsetzen und gehört werden
Seit 2023 steht der barrierefreie „Zuhörraum“ in München am Stephansplatz 2. Hier können Menschen von Montag bis Freitag von 12 bis 18 Uhr einfach vorbeikommen und ihre Geschichten erzählen. Der Zuhörraum ist ein kleines mobiles Holzhaus, in dem zwei Menschen gemütlich sitzen, Kaffee trinken und miteinander reden können. Er wurde in einem Projekt durch Design-Studierende entworfen und gebaut.
Und so funktioniert der Zuhörraum: Die ehrenamtlich Engagierten des Vereins hören wie die Romanfigur Momo aus Michael Endes Roman sehr gut zu. Sie bewerten nicht, geben keine Ratschläge und fragen höchstens einmal nach, um besser zu verstehen. Mit der Zeit zeigt sich: Die Menschen, die erzählen, bekommen plötzlich Ideen, finden Lösungen für sich und bekommen Mut, ihr Leben nach ihren Wünschen zu verändern. Das Reden stärkt sie.
Gudrun ist eine der Ehrenamtlichen bei momo hört zu. Sie hört den Menschen gerne zu: „Der Grund ist einfach, dass ich Menschen mag. Dass ich ihre Geschichten gerne anhöre. Ganz egal, ob sie fröhlich oder traurig sind,“ sagt die 74-Jährige aus Bad Tölz. „Und als Lehrerin habe ich so viel geredet in meinem Leben, da kann ich jetzt mal zuhören. Das fühlt sich sehr gut an.“
„Natürlich kommen auch Menschen zu uns, die uns belastende Geschichten erzählen,“ sagt Michael Spitzenberger. „Diesen Menschen nennen wir nach dem Gespräch Adressen und Anlaufstellen, die ihnen weiterhelfen können.“ Doch oft reiche auch nur das Zuhören, damit es den Menschen besser gehe. Einmal besuchte eine ältere Frau den Zuhörraum. Sie erzählte, dass sie seit dem Tod ihres Mannes kaum ein echtes Gespräch geführt hatte. Nach einer Stunde im Zuhörraum stand sie auf, lächelte und sagte: „Ich wusste gar nicht, wie viel Leben noch in mir ist.“
Schulungen für Ehrenamtliche
Wertungsfreies Zuhören ist nicht so einfach. Und auch Geschichten zu hören, die traurig oder belastend sind, kann schwer sein. Aus diesem Grund bietet der Verein momo hört zu Schulungen für ehrenamtlich Engagierte an. Hier lernen sie, wie sie mit belastenden Geschichten umgehen und den Menschen mit Zuhören trotzdem Kraft geben können.
Zweiter Zuhörraum und Forschungsprojekt in Gmund
Seit Anfang 2025 gibt es noch einen weiteren Zuhörraum in Gmund am Tegernsee, der gleichzeitig ein Forschungsprojekt ist. Bei dem Projekt haben sich das Blyb. Hotel, die Universität Witten/Herdecke unter Leitung von Professor Dr. Tobias Esch und momo hört zu e. V. zusammengetan. Gemeinsam wollen sie erforschen, wie Zuhören unsere Gesellschaft, das Wohlbefinden und die Gesundheit verändern können. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert.
Michael Spitzenberger
momo hört zu e. V.














