Zehn Tage lang, vom 11. bis 20. September, rückt die Woche des bürgerschaftlichen Engagements den freiwilligen Einsatz von rund 27 Millionen Menschen in Deutschland ins öffentliche Bewusstsein. Unter dem Jahresthema „Miteinander Zukunft gestalten“ geht es 2026 um eine Frage, die angesichts gesellschaftlicher Veränderungen und zunehmender Polarisierung besonders aktuell ist: Wie gelingt es, Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven zusammenzubringen – und gemeinsam Gesellschaft zu gestalten?

Dass dieses Motto nicht zufällig gewählt ist, zeigte sich beim Auftakt in vielen Facetten. Von der Frage, wie Begegnung und Beteiligung gelingen, über konkrete Beispiele aus der Engagementpraxis bis zu den Voraussetzungen für eine gemeinsam gestaltete Zukunft zog sich das Jahresthema durch den Nachmittag.

ZDF-Moderatorin Jessica Zahedi begrüßte die Gäste in der Thüringer Landesvertretung und erinnerte daran, wie konkret bürgerschaftliches Engagement ist: Es findet im Verein, in der Nachbarschaft, in Kultur und Sport, bei der Feuerwehr, in Initiativen und sozialen Projekten statt – überall dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen.

Rainer Hub, Vorsitzender des BBE-Sprecher*innenrats, griff diesen Gedanken auf. Gesellschaftlicher Zusammenhalt lasse sich nicht verordnen. Er wachse dort, wo Menschen einander begegnen, zuhören und gemeinsam handeln. Engagement bringe Menschen zusammen, verbinde Generationen und schaffe neue Kooperationen. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Verunsicherung zeige es, „wie wichtig und konkret Zusammenhalt erlebbar werden kann“.

Ronald Rauhe eröffnete erstmals in seiner neuen Funktion als Staatsminister für Sport und Ehrenamt die Woche des bürgerschaftlichen Engagements. Das Jahresthema spreche ihn auch aufgrund seiner Erfahrungen im Sport besonders an: Große Ziele erreiche man niemals allein. „Zukunft gestalten wir nicht allein, sondern miteinander“, betonte Rauhe. Aufgabe der Politik sei es, für das Engagement von Millionen Menschen gute Rahmenbedingungen zu schaffen. Engagementpolitik sei deshalb Gesellschaftspolitik – und damit zugleich Demokratiepolitik.

Thüringen: Ehrenamt als Heimat, Herz und Haltung

Wie Engagement vor Ort gelebt und unterstützt werden kann, zeigte Guntram Wothly, Ehrenamtsbeauftragter der Thüringer Staatskanzlei. „Ehrenamt ist das Rückgrat unserer Gesellschaft“, sagte Wothly. Es verbinde Generationen, Stadt und Land und schaffe Gemeinschaft und Begegnung.

Den Leitgedanken des Thüringer Ministerpräsidenten Mario Voigt – „Ehrenamt ist Heimat, Herz und Haltung“ – machte Wothly an Beispielen aus Feuerwehr und Katastrophenschutz, Sport, Hospizarbeit und Tafeln konkret. Thüringen hat die Förderung des Ehrenamts auch strukturell gestärkt: Seit 2024 ist es als Staatsziel in der Thüringer Verfassung verankert, seit Anfang 2025 gilt das Thüringer Ehrenamtsgesetz.
Ronald Rauhe und Rainer Hub eröffneten anschließend offiziell die 22. Woche des bürgerschaftlichen Engagements. Für einen besonderen musikalischen Moment sorgten Frida Baier und Maximilian Schuck, beide Preisträger*innen von „Jugend musiziert“.
 

Wie entsteht ein Miteinander in einer vielfältigen Gesellschaft? Und wie kann aus Begegnung gemeinsames Gestalten werden? Diesen Fragen widmete sich die von BBE-Geschäftsführerin Dr. Lilian Schwalb moderierte Podiumsdiskussion „Zusammenhalt braucht Beteiligung – wie wir Zukunft gemeinsam gestalten“.

Auf dem Podium trafen bewusst unterschiedliche Perspektiven aufeinander: Engagement-Botschafterin Vanessa Beyer brachte Erfahrungen aus der Initiative k_einheit und die Sicht junger Menschen ein, Prof. Dr. Swen Hutter vom WZB die Perspektive der Forschung, Dr. Niels Lange als Geschäftsführer der Thüringer Ehrenamtsstiftung die Engagementpraxis und Gregor Hermann, Leiter des Referats für Ehrenamt in der Thüringer Staatskanzlei, die staatliche Perspektive.

Vanessa Beyer beschrieb, wie wichtig Gemeinsamkeiten als Ausgangspunkt für Begegnungen sein können – aber auch, dass Gespräche nicht immer mit einer Diskussion beginnen müssen. Bei einem kulinarischen Spaziergang ihrer Initiative durch Chemnitz kamen Menschen verschiedener Generationen über Essen, Erinnerungen und ostdeutsche Geschichte miteinander ins Gespräch. Manchmal helfe es eben, zunächst etwas gemeinsam zu tun – oder „gemeinsam eine Eierschecke“ zu essen.

Swen Hutter warnte vor einem zu harmonischen Verständnis von Zusammenhalt. Eine offene Gesellschaft lebe von unterschiedlichen Interessen, Erfahrungen und Vorstellungen. Entscheidend sei nicht die Abwesenheit von Konflikten, sondern die Fähigkeit, mit ihnen produktiv umzugehen.

Niels Lange berichtete aus der Thüringer Engagementpraxis, wie Menschen aufgrund gemeinsamer Anliegen zusammenfinden. Dafür brauche es Menschen, die Verantwortung übernehmen und Brücken bauen – ebenso wie offene Begegnungsräume. Gregor Hermann unterstrich, dass staatliche Engagementförderung nicht allein aus finanzieller Unterstützung bestehe: Engagierte müssten auch gesehen und anerkannt werden.
 

Gestalten braucht Räume

Im zweiten Teil der Diskussion rückte das gemeinsame Gestalten in den Mittelpunkt. Dabei ging es insbesondere um Orte, die Begegnung und Beteiligung ermöglichen.

Wie wertvoll solche Räume sein können, machte Vanessa Beyer an einer Erfahrung aus Chemnitz deutlich. Während des Kulturhauptstadtjahres nutzte ihre Initiative einen offenen Raum für Veranstaltungen, Gespräche und Ausstellungen. Dort begegnete sie einem älteren Mann aus dem Umland, der regelmäßig mit dem Bus nach Chemnitz kam und seine langen Wartezeiten bis zur Rückfahrt dort verbrachte. Er nahm an Veranstaltungen teil, trank Kaffee und kam mit Menschen ins Gespräch, denen er sonst vermutlich nie begegnet wäre. Mit dem Ende des Projekts verschwand auch dieser Ort.

Die Geschichte machte deutlich: Begegnungsräume sind mehr als Gebäude. Sie schaffen Gelegenheiten, in denen Menschen miteinander in Kontakt kommen und Teil einer Gemeinschaft werden können.
 

Miteinander in der Praxis: Dorf macht Oper

Wie gemeinsames Gestalten praktisch aussehen kann, zeigte das „Projekt der Woche“: „Dorf macht Oper“ des Vereins FestLand e. V. in Klein Leppin in der Prignitz.

Seit rund 20 Jahren entsteht dort mit professionellen Musiker*innen, Sänger*innen und vielen Menschen aus dem Dorf eine Opernproduktion. Jung und Alt, Menschen aus Stadt und Land, Profis und Laien arbeiten über Monate gemeinsam auf eine Aufführung hin.

Jana Schegel, Vorsitzende von FestLand e. V., und Vereinsmitglied und Chorsängerin Sabine Pyritz erzählten im Gespräch mit Jessica Zahedi, wie dieses ungewöhnliche Kulturprojekt das Dorf und die Beteiligten verändert hat. Menschen mit ganz unterschiedlichen Biografien erleben dort, dass Herkunft, Beruf oder Alter keine entscheidende Rolle spielen. „Dorf macht Oper“ steht damit beispielhaft für einen Gedanken des Auftakts: Gemeinschaft entsteht, wenn Menschen gemeinsam etwas tun und erfahren, dass ihr eigener Beitrag zählt.

 

Unterwegs für das Miteinander

Seit ihrer Ernennung zur Engagement-Botschafterin 2026 im Mai ist Vanessa Beyer unter dem Jahresthema „Miteinander Zukunft gestalten“ unterwegs. Mit ihrer Initiative k_einheit setzt sie sich dafür ein, junge ostdeutsche Perspektiven sichtbarer zu machen.

Im Gespräch mit Jessica Zahedi blickte sie auf die ersten Monate ihres Botschafterinnenjahres zurück. Unterschiedliche Vorstellungen von Zukunft seien kein Hindernis – gerade deshalb müsse darüber gesprochen und gemeinsam ausgehandelt werden. Wichtig sei ihr dabei, auch diejenigen mitzudenken, „die jetzt vielleicht nicht hier sitzen und nicht gehört werden“.

Ihre bisherigen Begegnungen hätten zugleich gezeigt, wie sehr Engagierte für ihre Arbeit brennen – und dass sie politische Rückendeckung, verlässliche Strukturen und Anerkennung brauchen. Gerade für junge Engagierte sei der Zugang zu politischen Räumen zudem keineswegs selbstverständlich.
 

Zukunft: Was uns verbindet

Den Bogen zur Zukunft schlug Prof. Dr. h.c. Jutta Allmendinger, Ph.D., Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) a. D. In ihrem Vortrag „Was uns verbindet – Gedanken über Zusammenhalt, Verantwortung und Engagement“ nahm sie die zentralen Begriffe des Tages noch einmal grundsätzlich in den Blick.

Allmendinger unterschied zwischen dem „kleinen Wir“ – Familie, Freund*innen und Menschen, denen wir uns unmittelbar verbunden fühlen – und dem „großen Wir“ einer Gesellschaft. Die entscheidende Frage sei, wie Brücken zwischen den vielen kleinen Wirs entstehen können.

Im Engagement würden Zusammenhalt und Verantwortung praktisch: Menschen investieren Zeit, übernehmen Aufgaben und erleben, dass sie gemeinsam etwas erreichen können. Doch Bereitschaft allein reicht nicht. Allmendinger lenkte deshalb den Blick auf die Bedingungen, die Engagement überhaupt ermöglichen. Geld, verfügbare Zeit, Diskriminierung, fehlende Mitsprache oder fehlende Räume können den Zugang erschweren.

Eine zentrale Rolle spiele Bildung. Sie vermittle nicht nur Wissen, sondern könne Menschen die Erfahrung geben, selbst handlungsfähig zu sein. Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit seien wichtige Voraussetzungen dafür, Verantwortung zu übernehmen. Bildungspolitik sei deshalb auch Teilhabe- und Demokratiepolitik.

Ebenso brauche Engagement Zeit und Zeitsouveränität. Schließlich nahm Allmendinger die Frage der Repräsentation in den Blick. Gerade mit Blick auf Ostdeutschland sei die Erfahrung wichtig: „Ich komme vor, meine Biografie wird gesehen und meine Stimme hat Gewicht.“

Zum Schluss richtete sie den Blick auf das große Potenzial für künftiges Engagement. Viele bislang nicht Engagierte – besonders viele junge Menschen – könnten sich vorstellen, aktiv zu werden. Es gelte deshalb, Türen zu öffnen, Menschen etwas zuzutrauen und ihnen tatsächliche Gestaltungsmöglichkeiten zu geben. Ihren Schluss fasste Allmendinger mit dem Kampagnenmotto zusammen: „Miteinander Zukunft gestalten.“
 

Miteinander Zukunft gestalten

Damit führte der Nachmittag noch einmal zum Ausgangspunkt zurück. „Miteinander Zukunft gestalten“ ist mehr als das Motto einer Kampagne. Miteinander braucht Begegnung und die Bereitschaft, Unterschiede auszuhalten. Gestalten braucht Räume, Beteiligung und gute Rahmenbedingungen. Und Zukunft entsteht dort, wo Menschen erfahren, dass sie etwas bewirken können und ihre Stimme zählt.

Vom 11. bis 20. September macht die Woche des bürgerschaftlichen Engagements dieses Engagement mit über 20.000 Aktionen in ganz Deutschland sichtbar. Am 17. September wird das Jahresthema beim Engagementtag 2026 gemeinsam mit der Thüringer Ehrenamtsstiftung in Erfurt weitergeführt. Den Abschluss bildet am 20. September eine gemeinsame Veranstaltung mit dem World Cleanup Day in Bonn.

Vor und nach dem Bühnenprogramm lud der „Markt des Miteinanders“ zum Austausch ein. Nach dem offiziellen Ende blieb beim Empfang der Thüringer Staatskanzlei Zeit für Begegnungen und Gespräche.

Ein herzlicher Dank gilt der Vertretung des Freistaats Thüringen beim Bund und der Thüringer Staatskanzlei für die Gastfreundschaft und die vertrauensvolle Zusammenarbeit. Thüringen war an diesem Nachmittag nicht nur Gastgeber und Partnerland: Mit seinen Erfahrungen, Engagementstrukturen und Beispielen aus der Praxis hat der Freistaat das Jahresthema „Miteinander Zukunft gestalten“ mit Leben gefüllt.

Unser Dank gilt ebenso allen Referent*innen, Mitwirkenden und Partner*innen, der Aktion Mensch e. V. für die Unterstützung der Barrierefreiheit sowie allen Gästen vor Ort und im Livestream.

Die 22. Woche des bürgerschaftlichen Engagements ist eröffnet. Zehn Tage lang zeigt sie, was 27 Millionen Engagierte jeden Tag leisten – und was möglich wird, wenn Menschen miteinander Zukunft gestalten.