PROJEKT DER WOCHE
Zweitzeugen
Mit einer Israel-Reise begann die Engagement-Idee für den Verein ZWEITZEUGEN: Was können wir tun, wenn es keine Holocaust-Überlebenden mehr gibt? Ihre Geschichten müssen weitererzählt werden.
Erlebte Geschichte weitererzählen
Was während des Holocaust passiert ist, ist für junge Menschen schwer zu verstehen. Zu lange ist es her, zu wenig hat es mit dem heutigen Leben zu tun, denken manche sicher. Doch Erinnerungsarbeit, Aufarbeitung und Erzählungen der Holocaust-Überlebenden sind sehr wichtig. Wichtig für unsere Demokratie heute. Wichtig, um eine Welt aufzubauen, in der Religion, Aussehen, Herkunft, Behinderung, Geschlecht oder Sexualität keine Gründe sind, Menschen schlecht zu behandeln.
Der Verein ZWEITZEUGEN e. V. setzt sich genau dafür ein: die persönlichen Geschichten der Holocaust-Überlebenden weiterzuerzählen. Auch dann, wenn diese Menschen nicht mehr leben. „Unsere Zweit-Zeug*innen sind Menschen, die Holocaust-Überlebende getroffen und interviewt haben“, sagt Katharina Müller-Spirawski, Mitgründerin des Vereins. „Sie kennen die Geschichten über das Leben vor, während und nach dem Holocaust aus persönlichen Gesprächen und können sie aus ´zweiter Hand´ weitererzählen.“ Bisher hat das ZWEITZEUGEN-Team 37 Holocaust-Überlebende interviewt.
Reise nach Israel – der Beginn der Weiter-Erzählungen
Begonnen hat alles 2010 mit einer Reise der Studentinnen Sarah Hüttenberend und Anna Damm. Sie wollten in Israel zehn Holocaust-Überlebende treffen und mehr über ihre Lebensgeschichte erfahren. Diese persönlichen Gespräche hinterließen einen tiefen Eindruck bei ihnen. Zurück in Deutschland begannen sie, deren Geschichten weiterzuerzählen. Mit der Zeit wollten immer mehr Menschen die Geschichten der Holocaust-Überlebenden hören. Und auch immer mehr Menschen wollten sich engagieren und selbst die Geschichten der Überlebenden weitererzählen. Schließlich wurde 2014 der gemeinnützige Verein ZWEITZEUGEN e. V. gegründet.
Heute gibt es ein hauptamtliches Team, dass die mehr als 100 Ehrenamtlichen unterstützt und begleitet. Die überwiegend jungen Engagierten helfen in allen Bereichen: Sie bereiten Interviews auf, machen Social Media, Korrektorat, Netzwerkpflege, Veranstaltungsorganisation bis hin zur Vorstandsarbeit. Sie übernehmen Verantwortung und gestalten aktiv die Vereinsentwicklung mit.
Workshops, Vorträge und Wettbewerbe für unterschiedliche Zielgruppen
„Mit unserem Bildungsangebot erreichen wir vor allem Schulen und außerschulische Einrichtungen wie zum Beispiel Fußball-Fan-Projekte“, sagt Katharina Müller-Spirawski. „Wir machen auch Ausstellungen, Geschichts-Wettbewerbe und bieten unsere Workshops und Vorträge Unternehmen, Pädagog*innen oder Sozialarbeiter*innen an.“ Die Bildungsprojekte des Vereins unterstützen Menschen dabei, sich gegen Antisemitismus und Diskriminierung einzusetzen. Der Verein hat damit schon über 47.000 Kinder und Jugendliche sowie mehr als 95.000 Menschen erreicht.
„Unser Ziel ist es, noch viel mehr Menschen die persönlichen Geschichten der Holocaust-Überlebenden zu erzählen“, sagt Katharina Müller-Spirawski. „Der gesellschaftliche Rechtsruck, die alarmierenden Wahlergebnisse, internationale Krisen und die zunehmende Bedrohung jüdischen Lebens fordern uns heraus.“ Antisemitismus zeigt sich zunehmend offener, gewalttätiger und digital vernetzt. Das haupt- und ehrenamtliche Team des Vereins ZWEITZEUGEN hat darauf eine Antwort: Sie wollen wichtige Ansprechpartner*innen sein, Verantwortung übernehmen und die Erinnerungskultur weiter fortführen. Für eine gerechte Gesellschaft ohne Antisemitismus.
Engagement macht stark, weil ...
es scheinbar Unmögliches möglich macht.









