„Engagement ist aus meiner Sicht das beste Mittel, wenn man sich selbst einsam fühlt, unter Menschen zu kommen und etwas gemeinsam zu schaffen.“ Mit diesen Worten eröffnete Rüdiger Ratsch-Heitmann von der Bürgerstiftung Hamburg am 19. September 2025 die Veranstaltung „ConnectNow – Gemeinsam nicht einsam“ im Hamburger Betahaus. Rund 90 Gäste aus Zivilgesellschaft, Politik, Fachpraxis und viele junge Erwachsene kamen zusammen. Schon beim Ankommen entwickelten sich intensive Gespräche und spontane Diskussionen, die den ganzen Nachmittag über anhielten – an den Ständen, in den Pausen und beim gemeinsamen Ausklang.

Der Thementag war Teil der bundesweiten Woche des bürgerschaftlichen Engagements und wurde von der Kampagne „Engagement macht stark!“ des Bundesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement (BBE), der Bertelsmann Stiftung und der Bürgerstiftung Hamburg veranstaltet. Die Kampagne stellt in diesem Jahr das Thema „Aktiv gegen Einsamkeit“ in den Mittelpunkt. Entsprechend standen zwei Leitfragen im Zentrum: Was hilft wirklich gegen Einsamkeit? Und wie kann Engagement Räume schaffen, in denen sich junge Menschen zugehörig fühlen?

Für einen inspirierenden Start sorgte Tonio Geugelin mit einer 20-minütigen Loop-Station-Performance. Anschließend lud der „Markt der Möglichkeiten“ zum Kennenlernen und Diskutieren ein. Mit dabei waren IN VIA Hamburg e. V. mit dem KrisenNETZ, der Zuhör-Kiosk, das Bündnis gegen Einsamkeit, Kopfsachen e. V., die Fürstenberg Foundation, Dolle Deerns e. V. sowie ein Gemeinschaftsstand der Organisator*innen vom Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE), der Bürgerstiftung Hamburg und der Bertelsmann Stiftung.

Dann startete das Bühnenprogramm. Hier machte Leonie Müller von Kopfsachen e. V. deutlich, wie wichtig es ist, über mentale Gesundheit zu sprechen. Schulen brauchen Raum für solche Gespräche und Lehrkräfte Wissen über mentale Gesundheit. Gibt man Jugendlichen diesen Raum und begleitet sie, sprechen sie über Leistungsdruck, Mobbing, Probleme zu Hause und auch über Einsamkeit. Mit ihrem Verein Kopfsachen e. V. geben die Engagierten daher an vielen Standorten in Deutschland Workshops für Schüler*innen, Lehrkräfte und Eltern.

Sehr persönlich und nah erzählten Layla und Maira vom Mädchentreff Kirchdorf-Süd, wie dieser Ort seit ihrer Kindheit zu ihrem zweiten Zuhause geworden ist. Zuerst lockten Computer und Ausflüge, später wurden die Mitarbeiterinnen zu wichtigen Vertrauenspersonen und die anderen Mädchen zu engen Freundinnen. Hier erledigten sie ihre Hausaufgaben und verbrachten ihre Freizeit. Mit sichtbarem Stolz berichteten beide, dass sie in diesem Jahr ihr Abitur abgelegt haben – und sagten klar: Ohne den Mädchentreff hätten sie das vermutlich nicht geschafft.

Fotografie, Rap und Poetry Slam: Kunst und Kultur gegen Einsamkeit

Besonders eindrucksvoll war der Fotovortrag von Tim Kramer, Fotograf, Gründer des Vereins „Vereint Bochum“ und Engagement-Botschafter 2025 „Aktiv gegen Einsamkeit“. Er sprach offen über eigene Erfahrungen von Ausgrenzung und Einsamkeit. Einsamkeit sei das Gefühl, sich nicht verbunden zu fühlen, so seine Definition. Einsam kann man unter vielen Menschen sein, so wie er es war, als der VfL Bochum wieder in die Bundesliga aufstieg, aber wegen der Corona-Maßnahmen keiner seiner Freunde im Stadion war. Und man kann einsam sein, weil man allein im Krankenhaus liegt und nicht weiß, wen man als Notfall-Kontakt angeben soll. Aber dabei muss es nicht bleiben. Die Fotografie war für Tim ein gutes Handwerkszeug, um in die Thematik tiefer einzusteigen. Und er nutzt sie auch bei den Spaziergängen, die „Vereint Bochum“ alle zwei Wochen für Interessierte anbietet. Tim brachte die Haltung des Abends auf den Punkt: „Ihr glaubt gar nicht, wie viele tolle Menschen es da draußen gibt.“ Seine Botschaft: Engagement schafft Räume – und man wächst daran.

Auch Kunst und Kultur verstärkten diese Botschaften. Der Rapper JK rappte über Mut und Miteinander. In seinem Text sprach er offen über das Thema Einsamkeit und darüber, wie wichtig Gemeinschaft und Gespräche sind. „Viele von uns sind einsam, den Grund dafür finden wir heute gemeinsam, egal ob jung oder alt, Einsamkeit macht vor keinem halt.“ Er machte deutlich, dass hinter einem Lächeln oft mehr steckt: „Aber hinter einem Lächeln steckt vielleicht mehr, vielleicht ein Mensch, der fühlt sich leer.“ Seine Botschaft: Einsamkeit betrifft viele – doch gemeinsam, im Austausch und durch Engagement, kann man sie überwinden.

Auch die 18-jährige Poetry Slamerin Hannah Mader berührte das Publikum. Sie sagte: „Veränderung beginnt mit uns, mit Mut. Also setzen wir uns hier zusammen. Wir wissen, was fehlt. Verständnis, Nähe, Sichtbarkeit.“ Ihr Appell war klar: „Wir müssen jetzt handeln, weil junge Menschen sonst verloren gehen. Dazukommend bleiben Gesellschaft und Demokratie sonst stehen.“ Und sie setzte ein starkes Bild: „Wir bauen Brücken zwischen mir und dir. Gemeinsam wollen wir nicht nur über Einsamkeit sprechen, sondern sie auch überwinden. Stigmata brechen, Lösungen finden. Und das Ganze nicht irgendwann, sondern jetzt.“

Podiumsdiskussion „Gemeinsam gegen Einsamkeit – Was braucht es wirklich?“

Den Höhepunkt der Veranstaltung bildete die Podiumsdiskussion „Gemeinsam gegen Einsamkeit – Was braucht es wirklich?“. Diskutant*innen waren Engagement-Botschafter Tim Kramer, Dr. Anja Langness, Bertelsmann Stiftung, Marco Kellerhof, Amtsleiter Gesundheit der Stadt Hamburg, und dem 17-jährigen Maxim Seeck, Bildungsreferent für Demokratiebildung und mentale Gesundheit. Anja Langness eröffnete die Diskussion: „Einsamkeit bewegt uns alle, wir haben das alle schon einmal empfunden. Aber es gibt Gruppen, die es besonders betrifft.“ Stark beeindruckt haben sie die jungen Frauen des Mädchentreffs, die gerade ihr Abitur gemacht haben. Maxim Seeck ergänzte, dass Projekte wie der Mädchentreff hinreichend finanziert werden müssen. Ein Schwerpunkt der Diskussion lag auf der Schule als sozialem Ort. Es ging um Situationen, in denen junge Menschen Ausgrenzung und Diskriminierung erleben – und wie professionell darauf reagiert werden sollte. Maxim machte mit einem Beispiel deutlich, wie problematisch Bagatellisierung wirkt. Er erzählte, dass eine Schülerin auf dem Weg zur Schule bespuckt wurde. In der Schule suchte sie aufgewühlt das Gespräch mit der Lehrkraft. Die Reaktion lautete: „Wir machen jetzt Kunst.“ –alles andere solle sie zur Seite schieben. Die Runde war sich einig, dass solche Erfahrungen ernst genommen werden müssen und dass es feste und vertrauensvolle Ansprechpersonen, Schutzräume und klare Prozesse braucht. Schule sei zurzeit ein System, welches Arbeitskräfte bildet, aber soziale Kompetenzen und mentale Gesundheit hintenanstellen, schloss Maxim Seeck.

Aber allein die Tatsache, dass hier so viele Menschen zusammenkommen und über das Thema reden, beindrucke ihn sehr, so Tim Kramer. Man dürfe aber nicht von DEN jungen Menschen sprechen und damit nur Gymnasiast*innen meinen. Viele haben andere Vorbilder, Fußballer zum Beispiel. Wenn man junge Menschen verstehen will, muss man nach ihren Bedürfnissen fragen. Anja Langness ergänzte, man müsse kostenfreie Begegnungsorte schaffen. Nicht jeder könne sich die Mitgliedschaft in einem Fußball-Verein leisten. Und Marc Kellerhof warf ein, dass man in Hamburg „multicodierte Begegnungsorte“ von vornherein bei großen Quartiersprojekten einplant, also nicht nur Projekte für eine Gruppe, sondern für viele. Ein zentrales Ergebnis der Diskussion betraf Räume für Begegnung: Es braucht kostenfreie und leicht zugängliche Orte, die niedrigschwellig genutzt werden können. Für Hamburg wurde zudem deutlich, dass der Öffentliche Gesundheitsdienst in Stadtplanung und Stadtentwicklung eingebunden ist – damit Prävention und Teilhabe von Anfang an mitgedacht werden. Ein Beispiel: Das Bündnis gegen Einsamkeit entstand aus intergenerationalen Wohnprojekten von Wohnungsgenossenschaften. Immer wieder zeigte sich, dass gerade beim Thema Einsamkeit Mitwirkung von Betroffenen entscheidend ist, um passende Angebote zu schaffen. Dafür braucht es echte Mitgestaltung – und eine Gesellschaft, die bereit ist, sich aufeinander einzulassen.
 

Die wichtigsten Ergebnisse des Podiums:

  1. Es braucht offene, kostenfreie Orte.
  2. Es braucht verlässliche und vertrauliche Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner.
  3. Es braucht Wissen über mentale Gesundheit.
     

Zum Abschluss brachte eine Teilnehmerin die Stimmung des Tages in wenigen Worten auf den Punkt: „Mutmachend, verbindend und voller Optimismus.“

ConnectNow hat gezeigt, wie Musik, Kunst, persönliche Geschichten und konkrete Engagementangebote ein starkes Signal gegen Einsamkeit setzen kann – und wie viel Kraft in echter Begegnung liegt.