Was für ein Tag!

Am 15. September haben wir im KiezLab in Berlin-Friedrichshain unser Community Event „Gemeinsam gegen Einsamkeit – für mehr Begegnung in der Nachbarschaft“ gefeiert – ein gemeinsames Projekt der Kampagne „Engagement macht stark!“ des Bundesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement (BBE) und der nebenan.de Stiftung. Gemeinsam haben wir mit 70 Teilnehmenden erlebt, wie viel Kraft entsteht, wenn Menschen ihre Ideen, ihre Geschichten und ihre Energie zusammentragen. 

Von den ersten Begrüßungen bis zum letzten Aha-Moment war spürbar: Einsamkeit betrifft viele – doch Gemeinschaft kann helfen. Verschiedene Inputs, Diskussionen und Praxisbeispiele haben verdeutlicht, wie wichtig Nachbarschaften, kreative Initiativen und „dritte Orte“ für unser Zusammenleben sind. Schon im Vorfeld war deutlich spürbar, wie groß das Interesse am Thema Einsamkeit und Begegnung ist – die Veranstaltung war ausgebucht. Und tatsächlich: Der Tag war von Anfang bis Ende geprägt von Offenheit, Neugier und der gemeinsamen Überzeugung, dass wir etwas bewegen können. 

Begegnungen im KiezLab Berlin

Der Thementag begann mit einer herzlichen Begrüßung von Dr. Lilian Schwalb (BBE) und Katharina Roth (nebenan.de Stiftung). Beide machten deutlich, warum das Thema Einsamkeit so wichtig ist: Einsamkeit betrifft viele Menschen in allen Lebenslagen – Junge wie Alte, Menschen mit Pflegeverantwortung, mit Migrationserfahrung oder mit Behinderung. Niemand ist davor gefeit, und doch gilt: Niemand muss allein bleiben, wenn wir Räume schaffen, in denen echte Begegnungen möglich sind. 

Gerade Nachbarschaften spielen dabei eine zentrale Rolle. Sie sind Orte der Nähe, an denen unkomplizierte Treffen entstehen können – beim kurzen Gespräch im Treppenhaus, beim Kaffeeklatsch im Hof oder bei gemeinsamen Aktivitäten wie Spaziergängen oder Clean-up-Events. Solche niedrigschwelligen Anlässe sind mehr als nur nette Abwechslung: Sie stiften Verbundenheit, stärken Vertrauen und können Einsamkeit wirksam vorbeugen. 

Das wurde auch im anschließenden Podiumsgespräch deutlich: Engagement wirkt dort am stärksten, wo es Begegnungen schafft, die Menschen zusammenführen, unabhängig von Alter, Herkunft oder Lebenssituation. Niemand muss allein bleiben, wenn wir uns aktiv umeinander kümmern und Räume der Gemeinschaft gestalten. 

Vor diesem Hintergrund waren an dem Tag auch zahlreiche nominierte Projekte des Deutschen Nachbarschaftspreises der nebenan.de Stiftung eingeladen – als konkrete Beispiele dafür, wie Engagement im Kleinen Großes bewirken kann und wie lebendige Nachbarschaften Einsamkeit Schritt für Schritt überwinden helfen. 

Der Thementag, getragen von der Kampagne „Engagement macht stark!“ des BBE und der nebenan.de Stiftung, bot so den perfekten Rahmen, um zu zeigen, wie Engagement verbindet, Freude schafft und Gesellschaft zusammenhält. Im KiezLab Berlin – einem Raum der seit Sommer diesen Jahres der Berliner Zivilgesellschaft offen steht - wurde gleich spürbar: Begegnung kann vor Ort ausprobiert, gelebt und weitergedacht werden. 

Eröffnungsvortrag: Einsamkeit, Gesundheit und Dritte Orte

Der Thementag begann mit einem eindrücklichen Blick auf die Bedeutung von Einsamkeit: Laut WHO ist sie nicht nur ein emotionales Problem, sondern ein ernstes Gesundheitsrisiko – vergleichbar mit dem Rauchen von 15 Zigaretten täglich. Einsamkeit erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Demenz, frühere Pflegebedürftigkeit sowie Suizid und wirkt sich auch auf gesellschaftliche Teilhabe und Demokratie aus. 

Die Demographie-Expertin und langjährige Mitarbeiterin der Körber-Stiftung Karin Haist erklärte, dass Einsamkeit die Diskrepanz zwischen gewünschter und erlebter sozialer Verbundenheit beschreibt. Risikofaktoren sind unter anderem Armut, Krankheit, niedriger Bildungsstand, Migrationserfahrungen und Care-Arbeit. Besonders junge Erwachsene sind seit Corona betroffen, ältere Menschen zeigen erhöhte Einsamkeitswerte im Alter ab 75 Jahren. 

Praxisbeispiele zeigten, wie „dritte Orte“ – Bibliotheken, Nachbarschaftstreffs, Parks oder multifunktionale Zentren – Einsamkeit wirksam mindern. Erfolgreiche Begegnungsräume sind offen, zugänglich, niedrigschwellig und partizipativ gestaltet. Sie fördern soziale Vernetzung, Integration, Engagement und demokratische Teilhabe und machen deutlich: Gesellschaftliches Miteinander braucht Orte, an denen Menschen zusammenkommen, sich einbringen und Gemeinschaft erleben können. 

Thementauchen: Engagement, Begegnung und kreative Ideen

Nach den Impulsen folgte ein lebendiges Podiumsgespräch mit Praxisbeispielen aus verschiedenen Städten: 

Tim Kramer, Engagement-Botschafter 2025 „Aktiv gegen Einsamkeit“ zeigte, wie Engagement in Bochum Miteinander fördern kann – mit Angeboten für alle, von Spaziergängen über Workshops bis zu speziellen Angeboten für Frauen. Niedrigschwellige Angebote funktionieren besonders gut, weil sie den Einstieg ins Gespräch erleichtern. 

Roxana Sillmen, ForEveryone, Berlin: Ein Projekt am Boxhagener Platz bringt Menschen durch Singen, Stricken, Malen und Töpfern zusammen. Kunst ist hier ein Schlüssel: Sie verbindet einfach und effektiv, besonders junge Menschen und internationale Teilnehmende. Rund 80 Ehrenamtliche, viele mit eigenen Einsamkeitserfahrungen, tragen die Arbeit aktiv mit. 

Marius Langas, Open Streets Zeuthen öffnet Straßen regelmäßig für unterschiedliche Begegnungsformate. Slacklines zwischen Bäumen, Gespräche mit Bürgermeister*innen und Vereinen fördern Vernetzung und stärken demokratische Kultur. „Das Gegenteil von Einsamkeit ist Freundschaft“, so Marius. 

Katja Simon, Bürgerstiftung Stuttgart Auf zwei Stuttgarter Friedhöfen lädt das mobile „Café Kränzchen“ Besucher*innen und Passant*innen zum Verweilen ein. Die Atmosphäre bietet Raum für Austausch, sei es über Alltägliches, Persönliches oder Themen rund um Trauer und Erinnerungen. So entsteht ein besonderer Ort der Begegnung und Gemeinschaft mitten im Friedhof. 

Die Podiumsdiskussion machte deutlich: Ehrenamtliche haben viele kreative Ideen, müssen aber mit Verwaltung und Behörden zusammenarbeiten und stoßen hier manchmal auf Grenzen. Freundlichkeit, konstruktiver Umgang und Geduld sind entscheidend – gleichzeitig zeigt sich, wie viel Engagement möglich ist, selbst bei finanziellen Engpässen. 

Aktive Pause

In den Pausen nutzten die Teilnehmenden die Gelegenheit für intensive Gespräche und zum gegenseitigen Vernetzen. Die „aktive Pause“ wurde dabei spielerisch unterstützt durch den Ping Pong Salon Neustrelitz, der mit Tischtennis für Bewegung, Leichtigkeit und zusätzliche Begegnungsmomente sorgte. So wurde auch zwischen den Programmpunkten erlebbar, wie unkompliziert Kontakt und Gemeinschaft entstehen können. 

Workshops: Vier Perspektiven auf das Thema Einsamkeit

Nach dem Impuls und dem Podiumsgespräch ging es in die Workshopphase, in der die Teilnehmenden die Chance hatten, sich auf ganz unterschiedliche Arten mit dem Thema Einsamkeit auseinanderzusetzen. Der Workshop von More in Common lud dazu ein, das „unsichtbare Drittel“ in den Blick zu nehmen und zu üben, Perspektiven zu wechseln, um Begegnungsangebote so zu gestalten, dass sie wirklich alle erreichen.

Parallel dazu arbeiteten die Teilnehmenden im Workshop des Kompetenznetz Einsamkeit mit aktuellen Forschungsergebnissen und diskutierten ihre Vision einer Kommune, in der Einsamkeit keine Rolle mehr spielt.

Im dritten Workshop gingen die Teilnehmenden im Sinne einer „Nachbarschaftswende” einen Schritt weiter und entwickelten konkrete Ideen, wie Allianzen entstehen können, die Begegnungsräume sichern, politische Unterstützung anstoßen und Teilhabe sichtbar machen.

Kreativ und erfahrungsbezogen lud Workshop vier dazu ein, Einsamkeit neu zu erzählen – mit Sprache, Bildern und spielerischen Übungen, die neue Formen der Verbindung erfahrbar machten. 

Zum Abschluss des Tages brachten die Referent*innen ihre „Aha-Momente” ins Plenum und teilten jeweils eine überraschende oder berührende Erkenntnis aus ihren jeweiligen Workshops. Dabei wurde klar, dass es nicht immer um schnelle Lösungen geht, sondern oft genug Veränderung auch mit der eigenen Haltung beginnen kann: Dass wir einander mit mehr Offenheit und Freundlichkeit begegnen können, dass Sichtbarkeit für die eigene Arbeit Mut und Wirkung erzeugt, und dass es wichtig ist, dranzubleiben, auch wenn Veränderungen Zeit brauchen. Besonders eindrücklich war die gemeinsame Erkenntnis, dass Einsamkeit nicht verdrängt oder tabuisiert werden muss, sondern als Teil menschlicher Erfahrung Raum haben darf. Diese Impulse gaben dem Tag einen eindrücklichen Abschluss und eine Einladung, das Thema in der eigenen Praxis weiterzutragen. 

Ausblick

Der Thementag war kein Schlusspunkt, sondern ein Anfang. Viele Ideen, Kontakte und Impulse sind entstanden – jetzt gilt es, sie in die Nachbarschaften, Projekte und Einrichtungen hineinzutragen. Denn eins ist klar: Niemand soll allein bleiben müssen. Jede*r von uns kann dazu beitragen, dass aus Nebeneinander Miteinander wird. 

Lasst uns weiter Räume schaffen, in denen Begegnung möglich wird – gegen Einsamkeit und für mehr Nähe in der Nachbarschaft.