Ein Mann steht angelehnt an einem Geländer im Fußballstadion und lächelt.
Engagement-Botschafter „Aktiv gegen Einsamkeit”

„Einsamkeit ist leise, oft unsichtbar – und wird gesellschaftlich noch immer unterschätzt. Sie betrifft Menschen sehr unterschiedlich. Erst wenn wir darüber sprechen und echte Begegnungen ermöglichen, wird das Thema greifbar.“

Tim Kramer, Vereint Bochum e. V.

Zu Schulzeiten ausgegrenzt, im Krankenhaus nicht besucht, allein im Stadion während der Corona-Pandemie – Tim Kramer kennt das Gefühl von Einsamkeit und möchte zeigen: Dafür muss man sich nicht schämen. Der Bochumer Fotograf entwickelte zunächst das Projekt „eigen.”, um sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und einen Umgang mit der Einsamkeit zu finden. Aufgrund des großen Zuspruchs gründete Tim 2025 zusammen mit Fußballkapitän Anthony Losilla, Landtagsabgeordneten Dr. Bastian Hartmann und Einsamkeitsforscherin Prof. Dr. Maike Luhmann sowie weiteren Engagierten den Verein „Vereint Bochum“. Im Fokus seines Engagements steht das Gespräch, der Austausch, zuhören und voneinander lernen. Tim Kramer schafft Begegnungsformate und macht Einsamkeit zum Gesprächsthema in seiner Stadt.

Tim im Interview

Tim Kramer spricht über persönliche Erfahrungen, den neu gegründeten Verein „Vereint Bochum“ und darüber, warum Begegnung so wichtig ist. Das Interview führte Ramona Ehret vom Kampagnen-Team „Engagement macht stark!”.

Bitte stelle dich kurz vor.

Ich bin Tim, komme aus Bochum und setze mich dafür ein, dass sich weniger Menschen ausgeschlossen fühlen. Mir ist wichtig, dass es mehr Miteinander, Nähe und Zusammenhalt im Alltag gibt.
 

Wie bist du dazu gekommen, dich gegen Einsamkeit zu engagieren? Gab es ein besonderes Erlebnis?

Ja, es gab zwei Schlüsselmomente: Vor zwei Jahren hatte ich einen schweren Verkehrsunfall. Im Krankenhaus wurde ich gefragt, wer mein Notfallkontakt sei – und ich hatte keine Antwort. Nach der OP war ich eine Woche allein auf der Station. Niemand hat mich besucht. Das war ein sehr stiller Moment, der viel in mir ausgelöst hat.

Das zweite Erlebnis war, als der VfL Bochum in die Bundesliga aufstieg – mitten in der Pandemie als nur wenig Fans ins Stadion durften. Ich war als Fotograf im Stadion, meine Freunde waren draußen. Es war einer der schönsten Momente – und doch fühlte ich mich völlig überfordert und einsam. Allein war ich an diesem Abend nicht, im Gegenteil: Ich war von Menschen umgeben. Aber innerlich fühlte ich mich verloren, überfordert von meinen Gefühlen und irgendwie fehl am Platz. Dieser Moment hat mir gezeigt: Einsamkeit hat viele Gesichter – und man kann sich auch mitten unter Menschen einsam fühlen. Für mich ist es wichtig, den Unterschied zwischen „allein sein“ und „einsam sein“ zu erkennen.
 

Warum engagierst du dich für das Thema?

Weil ich lange gar nicht wusste, dass das Gefühl, das ich oft hatte, einen Namen hat: Einsamkeit. Ich hätte gerne früher etwas über Einsamkeit gewusst. Vielleicht hätte ich dann manches anders gemacht. Heute setze ich mich dafür ein, dass andere nicht das fühlen müssen, was ich gefühlt habe.
 

Warum denkst du, dass nur wenige Menschen über Einsamkeit reden?

Einsamkeit ist ein Tabu – oft, weil sie als Zeichen von Schwäche gilt oder das Gefühl vermittelt, weniger wert zu sein. Viele Menschen empfinden das so. Hinzu kommt: Einsamkeit wird häufig mit älteren Menschen in Verbindung gebracht – ein Bild, das stark stigmatisiert ist. Aber das stimmt so nicht. Einsamkeit kann jede*n treffen. Deshalb rede ich offen darüber – in Workshops, bei Veranstaltungen, in den sozialen Medien. Je mehr wir darüber sprechen, desto normaler wird es.
 

Wie können wir wieder mehr zusammen kommen?

Viele Menschen leben nebeneinander her. Wir haben verlernt, wirklich hinzuschauen. Dabei braucht es gar nicht viel: ein ehrliches Gespräch, echtes Interesse. Die Herausforderung ist, Räume zu schaffen, in denen sich Menschen sicher fühlen – und sich trauen, über Einsamkeit zu sprechen.

 

Du hast den Verein „Vereint Bochum“ gegründet. Wie kam es dazu?

Nach meinem Unfall und der Corona-Zeit wurde mir klar: Ich möchte etwas verändern. Die Idee zum Verein entstand gemeinsam mit der Gestalterin Sonja Israel und dem Landtagsabgeordneten Dr. Bastian Hartmann. Wir wollen Teil der Lösung für dieses gesamtgesellschaftliche Problem sein – ein Ort für echtes Miteinander, an dem niemand sich ausgeschlossen fühlt. Wir fragten uns: Wo können Menschen einfach sie selbst sein? So entstand „Vereint Bochum“.

Inzwischen unterstützen uns weitere Mitstreiter*innen: Einsamkeitsforscherin Prof. Dr. Maike Luhmann von der Ruhr-Universität Bochum und Anthony Losilla, bis Sommer 2025 Kapitän des VfL Bochum. Beide bringen spannende Perspektiven auf Gemeinschaft ein – Anthony lebt diesen Geist auf dem Spielfeld und trägt ihn nun auch in die Stadt.
 

 

 

Was macht der Verein, um Menschen zusammenzubringen?

„Vereint Bochum“ ist ein offener Treffpunkt für alle, die Anschluss suchen. Es gibt Gesprächsformate, kreative Workshops, Spaziergänge und offene Treffen. Das Projekt richtet sich an alle, die Anschluss suchen – unabhängig von Alter oder Hintergrund. Besonders ist: Es geht nicht um Hilfe von oben herab, sondern um Austausch auf Augenhöhe. Und es arbeiten viele mit – ehrenamtlich, mit Herz und Engagement.
 

Gab es einen Moment in deinem Engagement, der dir besonders in Erinnerung geblieben ist?

Einmal sagte mir eine Besucherin: „Ich hatte heute zum ersten Mal seit Wochen wieder ein Gespräch, das mir wirklich gutgetan hat.“ Das hat mich tief berührt. Genau dafür mache ich das.
 

Welche Pläne und Ziele hast du für die Zukunft des Vereins?

Wir wollen wachsen – im Sinne von Tiefe, nicht Größe. Mehr Menschen erreichen, mehr Austausch ermöglichen.
 

Was würdest du anderen raten, die sich im Bereich Einsamkeit engagieren möchten?

Fangt einfach an. Es muss nichts Großes sein. Zuhören, aufmerksam sein, kleine Räume für Begegnung schaffen – das ist schon viel. Niemand muss perfekt sein. Wichtig ist nur: dranbleiben.

 

 „Engagement macht stark, weil man nicht nur anderen hilft, sondern auch selbst daran wächst.”

Tim Kramer