Tim Kramer spricht über persönliche Erfahrungen, den neu gegründeten Verein „Vereint Bochum“ und darüber, warum Begegnung so wichtig ist. Das Interview führte Ramona Ehret vom Kampagnen-Team „Engagement macht stark!”.
Bitte stelle dich kurz vor.
Ich bin Tim, komme aus Bochum und setze mich dafür ein, dass sich weniger Menschen ausgeschlossen fühlen. Mir ist wichtig, dass es mehr Miteinander, Nähe und Zusammenhalt im Alltag gibt.
Wie bist du dazu gekommen, dich gegen Einsamkeit zu engagieren? Gab es ein besonderes Erlebnis?
Ja, es gab zwei Schlüsselmomente: Vor zwei Jahren hatte ich einen schweren Verkehrsunfall. Im Krankenhaus wurde ich gefragt, wer mein Notfallkontakt sei – und ich hatte keine Antwort. Nach der OP war ich eine Woche allein auf der Station. Niemand hat mich besucht. Das war ein sehr stiller Moment, der viel in mir ausgelöst hat.
Das zweite Erlebnis war, als der VfL Bochum in die Bundesliga aufstieg – mitten in der Pandemie als nur wenig Fans ins Stadion durften. Ich war als Fotograf im Stadion, meine Freunde waren draußen. Es war einer der schönsten Momente – und doch fühlte ich mich völlig überfordert und einsam. Allein war ich an diesem Abend nicht, im Gegenteil: Ich war von Menschen umgeben. Aber innerlich fühlte ich mich verloren, überfordert von meinen Gefühlen und irgendwie fehl am Platz. Dieser Moment hat mir gezeigt: Einsamkeit hat viele Gesichter – und man kann sich auch mitten unter Menschen einsam fühlen. Für mich ist es wichtig, den Unterschied zwischen „allein sein“ und „einsam sein“ zu erkennen.
Warum engagierst du dich für das Thema?
Weil ich lange gar nicht wusste, dass das Gefühl, das ich oft hatte, einen Namen hat: Einsamkeit. Ich hätte gerne früher etwas über Einsamkeit gewusst. Vielleicht hätte ich dann manches anders gemacht. Heute setze ich mich dafür ein, dass andere nicht das fühlen müssen, was ich gefühlt habe.
Warum denkst du, dass nur wenige Menschen über Einsamkeit reden?
Einsamkeit ist ein Tabu – oft, weil sie als Zeichen von Schwäche gilt oder das Gefühl vermittelt, weniger wert zu sein. Viele Menschen empfinden das so. Hinzu kommt: Einsamkeit wird häufig mit älteren Menschen in Verbindung gebracht – ein Bild, das stark stigmatisiert ist. Aber das stimmt so nicht. Einsamkeit kann jede*n treffen. Deshalb rede ich offen darüber – in Workshops, bei Veranstaltungen, in den sozialen Medien. Je mehr wir darüber sprechen, desto normaler wird es.
Wie können wir wieder mehr zusammen kommen?
Viele Menschen leben nebeneinander her. Wir haben verlernt, wirklich hinzuschauen. Dabei braucht es gar nicht viel: ein ehrliches Gespräch, echtes Interesse. Die Herausforderung ist, Räume zu schaffen, in denen sich Menschen sicher fühlen – und sich trauen, über Einsamkeit zu sprechen.